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Zum Fliegen braucht man auch kleine Federn





















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Seneca

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Da ich mich bei meiner persönlichen Vorstellung auf einige Zitat von

Seneca bezog, folgen hier nun komplexere Aussagen über sein philophisches und staatsmännisches Werk und seiner persönlichen Ethik. Einige Zeit zögerte ich, mich weiter mit dem "Geist dieses Mannes" zu befassen, weil ich einige Zitate las, die mir vom Ansatz her gar nicht gut gefielen. Aber wie der Lauf der Zeit so spielt, lief mir bei Seconhand- Martin ein Buch über Seneca über den Weg, an dem ich scheinbar nicht vorbei kommen sollte, um Seneca viel besser kennen lernen zu können. Und ich lernte, nicht denen zu vertrauen, die sich mit ihnen fremden Weisheiten beschäftigen

Um einen Einstieg zu gestalten, der nicht so arbeitsintensiv ist - ich ziehe gerade um - stelle ich hier mal einen Text rein, der das Wesen von Seneca erhellen kann. Es ist aus dem Buch entnommen "Vom wahren Leben", erschienen 1958 beim Verlag C. Bertelsmann.

Vom wahren Leben Seite 39 – 53
Lebensphilosophische Grundsätze

LEHRE UND WIRKUNG

Die meisten Werke über die Geschichte der Philosophie widmen Seneca nur einen geringen Raum. Die Forschung nennt ihn einen Eklektiker, einen Denker, der kein eigenes philosophisches System entwickelt hat. Darauf kam es Seneca freilich gar nicht an. „Jedes wahre Wort, gleichgültig, wer es gesprochen hat, ist auch mein geistiges Eigentum"^, betont er in einem Brief an Lucilius. Er hat die Namen der Männer, die ihm als Persönlichkeiten und als Lehrer ein Vorbild waren, in seinen Werken dankbar festgehalten: Sotion aus Alexandria, der ihn unter anderem für die Lehre des Pythagoras begeisterte, gehörte der Sekte der Sextier an, Attalus war Stoiker. Es entsprach der Bildung seines Zeitalters, in den Systemen des Platon und Aristoteles bewandert zu sein, doch findet man in den uns erhaltenen Werken Senecas keine nähere Auseinandersetzung mit ihrer Philosophie. Nur die platonische Ideenlehre regte ihn besonders an. Der Schule Epikurs, die bei den Römern neben der stoischen die meisten Anhänger gefunden hatte, stand Seneca zwar in ihren Grundgedanken — die Lust als höchster Wert, der Schmerz als einziges Übel — ablehnend gegenüber, doch stellte er freimütig fest, dass Epikur das Reine und Rechte lehre und seine

Schule zu Unrecht einen

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schlechten Ruf genieße. Die Lehre sei, näher betrachtet, sogar streng. Senecas Sympathie für die kultivierte Geistigkeit Epikurs kommt auch in vielen Zitaten zum Ausdruck, und besonders die Briefe an Lucilius bekommen oft ein Wort des Griechen als „Reisegeld" mit auf den Weg. Auch das Gedankengut des Kynikers Demetrios und des Atomisten Demokritos ist Seneca vertraut. „Ich habe mich keinem verschrieben. Ich trage keines Namen. Ich traue viel dem Urteil großer Männer, doch über manche Dinge behalte ich mir mein eigenes vor", heißt es in einem der „Moralischen Briefe". Mit dieser geistigen Freizügigkeit und Toleranz, verbunden mit dem Selbstbewusstsein des modernen Menschen, steht Seneca nicht isoliert da, sie sind ein Zeichen seiner Zeit, die auf dem Gebiete der Philosophie die Gegensätze zu versöhnen trachtete. Diese betonte Aufgeschlossenheit darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Seneca sich unzweideutig zur Lehre der Stoiker bekannte.
Die stoische Schule war um 300 vor Christi Geburt in Athen von Zenon aus Kition gegründet worden, einem Manne, der wegen seiner einfachen Lebensweise, seiner sittlichen Würde und menschlichen Güte bei seinen Mitbürgern in hohem Ansehen stand. Von seinen Lehrern war Krates Kyniker, Stilbon Megariker, Polemon vertrat die Akademie. Aus der Auseinandersetzung mit den verschiedenen, zum Teil doktrinär erstarrten Systemen schuf Zenon ein Neues. Er ging wieder auf Sokrates zurück und gab der Ethik den Vorrang. Der Philosophie des Heraklit verdankte er fruchtbare Anregungen. In der Metaphysik ging es Zenon um die Überwindung des platonisch-aristotelischen Dualismus. Er ist der Gründer einer streng monistischen Philosophie. Auf ethischem Gebiete ist der Stoizismus der Versuch, die kynische Ethik bei voller Wahrung ihres strengen Moralismus von aller Einseitigkeit zu befreien und wissenschaftlich zu unterbauen.
Der Schule Zenons schien unter seinem Nachfolger Kleanthes keine Dauer beschieden. Schwerfällig und

ohne die Fähigkeit des konstruktiven Denkens, hielt Kleanthes streng    

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an Zenons Lehre fest, während der geistreiche Ariston von Chios wichtige Lehrsätze einfach fallen ließ und sich wieder dem Kynismus näherte. Als dann aber Chrysippos von Soli die Leitung übernahm und als scharfer Denker neue, feste Begriffsbestimmungen schuf, wurde der Stoizismus zur einflussreichsten Weltanschauung der antiken Welt. Rom war vorerst gegen die griechische Philosophie ausgesprochen feindselig eingestellt. Den streng sachlichen und zielgerichteten Römern, die noch keine eigene Philosophie entwickelt hatten, dünkten die dialektischen Spitzfindigkeiten und Streitigkeiten, in denen die hellenistischen Lehren sich ihnen zu erschöpfen schienen, überflüssig, ja das geistige Leben hemmend. Zudem erweckten auch die Apostel der Philosophie, die nach dem Zusammenbruch des griechischen Staates den Westen überschwemmten, meist selber keine hohe Meinung von ihrem Stande. Dass sich die Lehre der Stoa trotzdem in Rom durchsetzen konnte, hat vor allem zwei Gründe. Panaitios von Rhodos, der Freund und Lehrer des jüngeren Scipio Africanus, und sein Schüler Poseidonios, der seinerseits stark auf Cicero einwirkte, waren zweifellos Persönlichkeiten von hohem Format, würdige Repräsentanten ihrer Lehre. Panaitios, der Begründer der „Mittleren Stoa", hatte den Schritt von der weltfremden Spekulation zur lebensnahen Problematik der menschlichen Existenz getan, Poseidonios die Verbindung zur sichtbaren Welt durch seine vorwiegend naturphilosophischen Forschungen hergestellt. Zum anderen aber entsprach der Stoizismus selbst schon stark römischer Geisteshaltung. Die Beispiele alter Römertugend, ein Cato, Scipio, Laelius, lassen sich dem stoischen Idealbild des Weisen als Brüder im Geiste anfügen.
Zwei Realitäten stehen im Ausgangspunkt des römischen Denkens: Das Individuum und der Staat. Einzelwillen und Herrschaft, Recht und Pflicht, Freiheit und Gesetz in ihrem Verhältnis zueinander stellen die Probleme, und in dem Versuche, hier zu Lösungen zu kommen, bildet der Römer seine metaphysischen Begriffe. Der Wille, die Ordnung, die Zweckmäßigkeit spielen in seinem Denken eine (41)
hervorragende Rolle. Wilhelm Dilthey hat es ausgezeichnet formuliert: Diese Philosophie geht überall „aus dem metaphysischem Luxus und Streit der Griechen auf ein einfaches System zurück, welches das im unmittelbaren Bewusstsein Gegebene zu schlichten Begriffen entwickelt. Die ganze Kraft römischen Denkens sammelt sich in der Kunst und den Regeln der Lebensbeherrschung". Diese geistige Situation des Römers muss man sich vor Augen halten, um Seneca als Denker gerecht zu werden. Unter dem Blickwinkel der griechischen Philosophie der Blütezeit war er nur ein Eklektiker, aber die moderne Forschung hat ihn als einen „Denker römischer Willenshaltung" endlich auf den gebührenden Platz gestellt«. Im Sinne der Stoa ist für Seneca Philosophie die Lehre von den göttlichen und menschlichen Dingen. „Du irrst, wenn du glaubst, dass sie dir nur für irdische Zwecke dienen will. Ihr Streben ist höher gerichtet. Ich erforsche, spricht sie, die ganze Welt und beschränke mich nicht auf das Leben der Sterblichen, damit zufrieden, zu raten und zu warnen. Mich zieht es zu hohen Dingen, die weit über eurer Sphäre liegen"." Die Philosophie als die Liebe zur Weisheit unterscheidet sich von der Kunst des Lebens wie der Weg vom Ziel. Weisheit bedeutet für den Römer nicht Wissen, sondern sittliche Vollkommenheit, ethische Harmonie. Der Weise ist der berufene Erzieher der Menschheit, humani generis paedagogus.
Seneca ist die stoische Einteilung der Philosophie in Logik, Physik und Ethik natürlich vertraut und er arbeitet mit den Begriffsbestimmungen seiner Schule. Im Grunde jedoch erscheint ihm metaphysische Spekulation unwichtig, da sie ihn von seiner eigentlichen Aufgabe abzieht, der Ethik. „Wir spielen mit Steinchen", beschließt Seneca eine seiner Untersuchungen über metaphysische Fragen, „wir üben unseren Scharfsinn an unwesentlichen Dingen. Dergleichen macht nicht gut, sondern gelehrt. Weisheit ist eine klare, sehr einfache Sache. Zur sittlichen Vollkommenheit bedarf es nur geringer Bildung. Aber wie auf

den anderen Gebieten verirren wir uns nun sogar in der Philosophie auf

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unfruchtbaren Boden. Wie überall mangelt es uns auch in der Philosophie an innerer Disziplin. Wir lernen nicht für das Leben, sondern für die Schule." Philosophieren heißt für Seneca: Ringen um eine kranke Seele, um ein Besserwerden. Aus jeder Untersuchung, und mag sie noch so wenig mit Philosophie zu tun haben, will er eine nützliche und heilsame Anregung gewinnen. Auf die logische Begründung seiner Lehre legt Seneca nur geringen Wert. Wo er sich doch dazu genötigt sieht, geht er von den Stoikern nicht ab. Die Welt ist für sie eine einheitliche stoffliche und körperliche Substanz, und in ihr wirkt eine Kraft, ein System vieler verschiedener Wesen auszuformen. Stoff und Kraft, oder anders ausgedrückt: Materie und Gott, das sind die Prinzipien alles Seienden, welches vom Pneuma, lateinisch spiritus, beseelt ist. Jedes Einzelwesen ist einmalig und verwirklicht einen besonderen Gedanken Gottes. Es könnte nicht aus dem Weltganzen herausgenommen werden, ohne die kosmische Ordnung zu stören. Senecas Gottesvorstellung lässt sich schwer fest umreißen. Mit der ganzen Skepsis des Menschen einer überreifen Kulturepoche behaftet, äußert er sie doch nicht in der Form, die schließlich zum Atheismus führt. Seine Einsicht in die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit führt nur zu großer Bescheidenheit: Niemand kennt Gott, bekennt Seneca, und viele denken schlecht von ihm und bleiben trotzdem ungestraft, denn die Himmlischen wollen und können nicht strafen. Ihr Wesen ist Milde und Güte, und sie sind eben soweit davon entfernt, andern als sich selber weh zu tun. Nur Narren und Verblendete schieben ihnen das Wüten des Meeres, endlose Regengüsse und strenge Winter zu, während sie es doch bei allem, was uns schaden oder nützen kann, gar nicht auf uns abgesehen haben. Denn nicht wir sind der Grund, dass in der Natur Winter und Sommer aufeinander folgen. All das vollzieht sich nach seinem eigenen Gesetz in der Erfüllung des göttlichen Willens. Wir überschätzen uns gewaltig, wenn wir meinen, dass unseret willen so ungeheure Kräfte in Bewegung wären. Der notwendige, ursächliche Zusammenhang aller Dinge    (43)
macht das Fatum aus. „Ob die Welt beseelt ist oder ein Stück Natur, das einem Lenker folgt, wie auch die Bäume oder Saaten, es ist von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende schon beschlossen, was sie vollbringen und erleiden muss. Im Samen ist schon die Beschaffenheit des zukünftigen Menschen völlig ausgebildet, das ungeborene Kind trägt die gesetzmäßige Entwicklung seines Bartes und seiner grauen Haare in sich, denn die Grundzüge des gesamten Körpers und seiner künftigen Handlungsweise sind schon im kleinen verborgen da: gerade so umfasst der Ursprung der Welt nicht nur das Werden von Sonne und Mond und den Wandel der Gestirne und Geschöpfe, sondern auch das Gesetz jeglicher Veränderung auf Erdenk." Gott, die Erstursache dieser Welt, hat zwar das große Gesetz gestiftet, doch ist er ihm nun selber Untertan. Auch jedem Menschen ist ein Ziel gesteckt; es ist unabänderlich, und weder Sorge noch Gnade werden es verschieben können. Es ist gut zu wissen, dass gegenüber dem Beschlossenen alle Bemühungen vergeblich wären.
Seneca ist der Vertreter einer monotheistischen Gottesidee. Gott ist allgegenwärtig und nichts ist ihm verborgen. Es nützt nichts, sein Gewissen zu verschließen, vor Gott sind wir ein offenes Buch. „Wir müssen so leben, als lebten wir vor aller Augen, und so denken, als könnte einer in unser innerstes Herz blicken. Und so ist es auch. Denn was hilft es, wenn etwas vor den Menschen verborgen ist? Gott ist nichts verschlossen, er ist in unserem Herzen und tritt mitten unter unsere Gedanken"." Aufgedeckt liegt vor ihm die Reihe seiner Werke, und alle Dinge, die je durch seine Hände gehen werden, sind ihm offenbar. Seine Lieblinge züchtigt Gott, die Durchschnittsmenschen lässt er eine Weile laufen, aber schließlich kommt jeder an die Reihe. Seneca spricht manchmal von Gott, an anderen Stellen von den Göttern und wechselt bisweilen in derselben Abhandlung die Bezeichnungen. Diese Gottheit braucht keine steinernen Tempel, die ganze Welt ist des ewigen Gottes Haus. Mehr noch, Gott selber ist die Welt, und auch die

Natur ist nichts anderes als Gott, die göttliche Vernunft, welche das

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All und seine Teile erfüllt. Am nächsten und fühlbarsten aber offenbart sich Gott im Menschen selber, in der Seele. Sie ist nach der stoischen Auffassung etwas Körperliches, sonst könnte sie nicht auf den Körper einwirken. Durch sie haben wir schon hier auf Erden Anteil an der Gottheit, die sich vom sittlich vollkommenen Menschen nur durch die Dauer ihrer Vollkommenheit unterscheidet. Wenn Seneca immer wieder von der Gottähnlichkeit und Gottgleichheit des Weisen spricht, so ist das kein prometheischer Trotz, sondern die letzte Folgerung aus dem Gedanken, dass die menschliche Vernunft ein Ausfluss der Gottheit sei; also ist die vollkommene Vernunft ein Ebenbild Gottes. Erst nach dem Tode, der Erlösung aus dem Kerker des Leibes, in dem die Seele einem ständigen Kampf mit den Affekten, den unvernünftigen Trieben ausgesetzt ist, beginnt ihr wahres Leben. Mit dieser Vorstellung nähert sich Seneca dem platonischen Unsterblichkeitsglauben. Die Begriffe aeternus (ewig) und immortalitas (Unsterblichkeit) sind nicht stoisch. Eine gewisse Inkonsequenz und Unsicherheit Senecas auf diesem Gebiete ist übrigens nicht zu übersehen. An verschiedenen Stellen wird der Glaube an die Präexistenz, ein vorirdisches Leben der Seele, ausgesprochen und in einem der letzten Briefe an Lucilius sogar die Frage der Seelenwanderung angeschnitten. Was dabei als Sotions Meinung angeführt wird, gilt für die skeptische Einstellung Senecas im Allgemeinen. „Sei vorsichtig mit deinem Urteil und sichere dich im übrigen nach allen Richtungen." Man hat in diesem Zusammenhang den Ausdruck von Senecas „Philosophie der Defensive" geprägt, einer Sicherung gegen alle Möglichkeiten. Wenn die Seele als Ganzes göttlich ist, so gilt das auch von ihren Projektionen in die Außenwelt, von den sittlichen Werten der Tapferkeit, Treue, Wahrhaftigkeit usw. Durch die starke Betonung der ethischen und geistigen Seite der Gottesidee geriet Seneca in einen Gegensatz zu den allgemein anerkannten religiösen Vorstellungen seiner Zeit. Er geißelte den Aberglauben

mit beißendem Spott, aber er achtete den in langer Tradition herausgebildeten

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Kult in der Überzeugung, dass die Religionsstifter und Gesetzgeber als gute Seelenkenner darin eine dem Durchschnittsmenschen leicht fassliche Form schaffen wollten, die unangetastet bleiben musste, wenn das moralische Gefüge der menschlichen Gemeinschaft nicht in Brüche gehen soll. Die einzig würdige Gottesverehrung liegt für Seneca freilich nur im rechten Lebenswandel.

Wie in der Metaphysik, so gelangt Seneca auch in der Physik, den naturphilosophischen Untersuchungen, nach kurzen Exkursen immer wieder auf das Gebiet der Ethik. Die Naturforschung ist ihm nur ein Hilfsmittel, um den Menschen die Augen zu öffnen für die Erhabenheit des wirkenden Gottes. Die erhaltenen Schriften zeigen Seneca nicht als selbständigen Forscher, seine Quelle ist Poseidonios. Dennoch haben die naturwissenschaftlichen Werke durch den Geist, der sie erfüllt, ein durchaus persönliches Gepräge. Senecas Bescheidenheit kann für jede wissenschaftliche Arbeit ein Vorbild sein. Er hält die Einsichten seiner Zeit nicht für großartig und versteift sich nicht auf eine bestimmte Lehrmeinung, wie ihm überhaupt die Theorie als Funktion des Intellektes ohne Beziehung auf den Menschen fruchtlos erscheint. Die Welt wäre ein armseliges Ding, wenn nicht alle Welt in ihr zu forschen hätte. Wir halten uns für Eingeweihte und stehen doch erst im Vorhof der Naturerkenntnis. Einst werden sich die Menschen darüber wundern, dass wir an Einsichten vorübergingen, die doch so klar vor aller Augen liegen... Das Wissen von den Dingen rings um uns muss immer Stückwerk bleiben, nur die innere Welt ruht auf festen Fundamenten. Ihr Grundpfeiler und zugleich der höchste Wert des Menschenlebens ist seine Übereinstimmung mit dem Sittengesetz. Sittlich, das ist naturgemäß, seinem Inbilde gehorsam leben, heißt glücklich leben. Es gibt keinen anderen Weg zum inneren Frieden und zur wahren Freiheit und Unabhängigkeit. Zwischen Gut und Böse besteht ein absoluter und objektiver Unterschied. Kein Mensch hat sich vom Naturgesetz so weit entfernt und sein Menschentum verleugnet, dass er vorsätzlich böse ist.

Jeder würde es

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vorziehen, die Früchte seiner Gemeinheit zu genießen, ohne gemein zu sein. Die Natur hat es so eingerichtet, dass jeder das sittliche Ideal erkennt, auch wenn er ihm nicht folgt. Für die Stoa lag die Tugend schon in der Erkenntnis des Rechten. Seneca gab sich damit nicht zufrieden. Erkenntnis und Willen allein genügen nicht, dass einer gut sei, zu groß sind die mit unserer Leiblichkeit verbundenen Widerstände durch die Triebe. Denn die sinnliche Natur ist eine Belastung und Strafe des Geistes. Die Natur schenkt uns die Tugend nicht. Es ist eine Kunst, gut zu werden, und die meisten Menschen müssen ein Leben lang lernen, ohne das Ziel, die Weisheit, zu erreichen. Es hat zu allen Zeiten nur wenig Weise gegeben, denn bei seinen Vorsätzen bleiben ist schwerer, als Ideale aufzustellen. Wir müssen ständig an uns arbeiten. Eines der wirksamsten Hilfsmittel ist die Selbstdisziplin, die auf einer strengen, täglichen .Gewissenserforschung beruht. „Was ist schöner als die Gewohnheit, den Tag zu überdenken, und welch ein Schlaf folgt auf diese Selbstprüfung! Wie ruhig, tief und frei ist er, wenn die Seele mit Lob oder Ermahnung als ihr eigener stiller Beobachter und Richter ihrem Wesen auf den Grund gegangen ist. Ich mache von dieser Möglichkeit Gebrauch und trete täglich zur Verantwortung vor mich selber hin. Wenn das Licht fort getragen und meine Gattin, die meine Gewohnheit kennt, still geworden ist, überdenke ich den ganzen Tag und wiederhole mir mein Tun und Reden. Ich verhehle mir nichts und übergehe nichts. Denn warum sollte ich einen meiner Irrtümer fürchten, da ich doch sagen kann: Gib acht, dass du das nicht wieder tust, für diesmal sei dir verziehen2^!" Das Ziel sittlicher Vollkommenheit ist ohne Hilfe kaum erreichbar, ohne die Philosophie, die Lehre vom wahren Leben, und ohne das Vorbild eines edlen Menschen. „Ein großer Teil der Sünden würde nicht begangen, wenn neben dem Menschen, der in Versuchung ist, ein Zeuge stünde. Das Herz muss einen wissen, den es verehren kann, durch dessen Vorbild sein Innerstes geheiligt würde"24. Bei manchen Menschen genügt auch der geistige Führer nicht,

sie

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brauchen einen, der nachhilft und sie unter Druck setzt. Der Gerechte, der nach Gottes Ratschluss gut ist und nicht anders als gut sein kann, wird weise, wenn er sich allen Hindernissen, die seine sinnliche Natur aufrichtet, zum Trotz die innere Freiheit erkämpft hat. Er hat für seinen Kampf keinen anderen Preis zu erwarten als den Seelenfrieden, also ein glückliches Leben unter Verzicht auf die irdischen Glücksgüter.
Der Mensch ist aber nicht um seiner selbst willen geboren, sondern für die menschliche Gemeinschaft. Nächstenliebe und Gemeinschaftshilfe sind naturgesetzlich, also eine sittliche Verpflichtung. Das oberste Gebot der Humanität, dem Glauben an die Göttlichkeit der Seele entsprungen, ist die Achtung vor der Menschenwürde und vor der Freiheit des Nächsten. Angesichts der Lebenserfahrungen ist es nicht leicht, ohne Verbitterung und Hass ein Liebender der Menschheit zu bleiben. Seneca, der so schöne Worte für die Verbundenheit aller Sterblichen gefunden hat, entwirft an anderen Stellen erschütternde Bilder menschlicher Niedertracht und Verworfenheit. Machen wir uns keine Illusion: Wir leben unter Bösen und sind selber böse! Aber Seneca resigniert nicht, sondern zieht daraus die einzig mögliche Folgerung, die den Wiederaufbau einer sittlichen Ordnung ermöglicht: „Darum wollen wir menschlich gegeneinander sein. Wir wollen miteinander übereinkommen, es gegenseitig nicht zu genau zu nehmen." Man muß wissen, dass man von seinem Nächsten nichts Gutes zu erwarten hat, und muß ihm trotzdem Gutes tun, ohne auf Dank zu hoffen. „Du sagst, ich kann mir doch nicht alles gefallen lassen, es ist schwer, Unrecht zu ertragen. Du hast nicht recht! Warum erträgst du die Exzesse eines Kranken, die Worte eines Wahnsinnigen und die Frechheit von Knaben? Weil du dir sagst: Sie wissen nicht, was sie tun2«." Es ist viel besser, eine Beleidigung in Güte beizulegen, als sich zu rächen. Mit jedem Atemzuge hauchen wir unsere Seele aus, und über ein kleines steht der Tod vor uns, der die naturgewollte Gleichheit wieder

herstellt, die Ungerechtigkeit und eine jahrhunderte lange Entwicklung zerstört

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haben. Es kommt nur auf die seelischen Werte eines Menschen an. „Es ist die größte Torheit, den Menschen nach seinem Gewand oder nach seinem Stande, der ihn wie ein Gewand umgibt, zu achten. Er ist ein Sklave? Vielleicht ist er im Herzen ein Freier. Er ist ein Sklave? Was schadet's? Zeige mir einen, der es nicht ist"!"
Seneca ist der Mann der inneren Revolution. Als einer der verantwortlichen Führer des antiken Weltreiches hatte er genügend realen Sinn, um zu wissen, dass das gesamte wirtschaftliche und politische System zusammenbrechen müsste, wenn an der Institution der Sklaverei gerüttelt würde. Aber davon abgesehen wäre ihm eine äußere Revolution unsinnig erschienen, ehe bei Unfreien und „Freien" die innere Voraussetzung dafür geschaffen war. Auch die Frage der Gemeinschaftshilfe rollt er daher von innen her auf. Das alte Rom kannte, wenn wir von den staatlichen Spenden an das Großstadtproletariat absehen, für deren Verteilung im wesentlichen innerpolitische Gründe maßgebend waren, keine soziale Fürsorge in unserem Sinn. Diese war die selbstverständliche Pflicht jedes einzelnen gegenüber seinem Mitbürger. Die Übersetzung „Wohltat" für Beneficium entspricht dem römischen Begriff einer moralischen Verpflichtung also nur mangelhaft. In Senecas umfangreicher Sozialethik „Von den Wohltaten" wird dieser Begriff in seiner ganzen Weite und mit der Vertiefung ausgeschöpft, wie dies nur ein Mann tun konnte, der die Brüderlichkeit nicht mit großen Worten verkündet, sondern stumm mit Werken bewiesen sehen wollte. Es fehlt Seneca jede Spur von Sentimentalität. In dem Grundstein, auf dem sich das Gebäude der Humanität erhebt, steht mit ehernen Lettern eingemeißelt das Wort Verantwortung — Verantwortung für sich selbst, Verantwortung für den Mitmenschen auf seinem Irrwege, Verantwortung für die Gemeinschaft.
Brüderlichkeit heißt freilich nicht Selbstaufgabe. Der Wertvolle darf sich nicht dem Minderwertigen zum Opfer bringen, das wäre gegen das Gesetz der Natur, also gegen Gottes Willen. Wo an die Stelle des

beseelten Menschen

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die seelenlose, gierige, gemeine Masse tritt, wird sich der Weise zurückziehen, denn er würde sich sinnlos verbrauchen. Wenn die moralische Krankheit eines Menschen unheilbar und gemeingefährlich wird, dann ist es eine Tat der Barmherzigkeit, den Infektionsherd auszutilgen, um die Gemeinschaft zu bewahren. Oberste Richtschnur ist das hart anmutende, für die Gesamtheit aber heilsame Gesetz der Natur, des Bauern und Soldaten. Es ist gewiss kein Zufall, dass Seneca seine Vergleiche immer wieder aus diesen drei Bereichen holt.
Das Ganze ist über den Teilen, die Gemeinschaft über dem einzelnen, der Staat über dem Individuum. Seneca gebraucht dafür ein schönes Bild: Die Gemeinschaft gleicht einem Tonnengewölbe, das auf dem rechten Gefüge der Steine beruht, von denen auch nicht einer ausgebrochen werden kann, ohne das Ganze zu gefährden. Diese Grundgedanken sind stoisch, aber es ist die Tat des römischen Denkers, dass er sie aus dem nichtexistenten Idealstaate der Griechen herausgelöst und in seine eigene Wirklichkeit hineinprojiziert hat, in den römischen Kaiserstaat. Nach Ansicht der Stoiker war die beste Staatsform eine gerechte Königsherrschaft. „Die Natur will es, dass sich das Geringe dem Besseren unterordne. Bei den vernunftlosen Tieren stehen die größten und angriffslustigsten an der Spitze der Herden. Unter den Menschen gilt der Beste als der Größte. Nach seinem Charakter wurde also der Führer gewählt. Deshalb waren die Völker im Besitz des höchsten Glücks, bei denen nur der Bessere an der Macht sein konnte. Denn nur wer das zu können glaubt, was er soll, kann alles, was er will. Deshalb meint Poseidonios, dass in dem Zeitalter, das man das goldene nennt, die Regierung in den Händen der Weisen lag. Diese wehrten der Gewalt und schützten die Schwächeren gegen die Starken, sie rieten und mahnten und zeigten auf, was vorteilhaft und unnütz wäre. Klug sorgten sie dafür, dass es den Ihren an nichts gebräche, sie wehrten mutig die Gefahren ab und machten mit offener Hand das Leben ihrer Untertanen reicher und schöner.

Sie geboten kraft ihres Amtes, nicht aus Herrschbegierde. Keiner  

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versuchte seine Macht gegen die Bürger, denen er sie verdankte, und keiner hatte Lust oder Veranlassung zu Übergriffen, da man dem guten Herrscher gern gehorchte und der König bei widerwilligem Gehorsam mit nichts Schlimmerem drohen konnte als mit dem Rücktritt2»." Auch subjektiv galt dem Realpolitiker Seneca die Monarchie als die beste Regierungsform, weil sie die zeitgemäße war. Die römische Republik war überlebt. Sein Idealbild war der sakrale Staat des Augustus, und die Persönlichkeit des Kaisers, der als Pontifex maximus zugleich das religiöse Oberhaupt des Staates war, galt ihm als unantastbar, solange er nicht selbst durch Grausamkeit und Willkür die heilige Satzung zerbrach.
In Senecas Schriften der späteren Zeit findet die politische Resignation auf Grund eigener Erlebnisse Ausdruck, doch nicht in einem Verzicht auf die Tätigkeit für die Gemeinschaft, sondern in einer Verschiebung und Erweiterung der Interessengebiete. An die Stelle des Kaisers tritt die Menschheit, an die Stelle des politischen Führertums der Dienst an der Persönlichkeitsbildung und Humanität. Im Denkgebäude eines Systemphilosophen hätte das mehr als eine Akzentverschiebung, es hätte einen Bruch bedeutet. Seneca jedoch ist kein Philosophus cathedrarius. Seine Lehre ist erlebt und erlitten. Und darin liegt wohl auch das Geheimnis ihrer Wirkung, die heute so tief und lebendig ist wie vor bald zweitausend Jahren. Vielleicht beruht sie auf einer ähnlichen inneren Situation, auf ähnlichen äußeren Verhältnissen.
Unter Nero wurden im Zuge der ersten grausamen Christenverfolgungen nach kirchlicher Überlieferung auch die Apostel Petrus und Paulus hingerichtet. Noch vermochte die neue Lehre den Staat nicht zu erschüttern, doch eine lange religiöse und soziale Entwicklung hatte ihr den Boden bereitet. Die Auflösung der Antike hatte begonnen. Seneca gehört noch beiden Welten an. In seiner Persönlichkeit verkörpert sich römischer Führeradel in reinster Prägung, und doch hat er Worte gesprochen, die im Neuen Testament

stehen könnten. Seine Gedanken über Menschlichkeit

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und Nächstenliebe waren von einer starken Wirkung auf die christliche Ethik und fanden in der Pflichtenlehre der Kirchenväter ihren Niederschlag. Schon Tertullian spricht von „Seneca, der oft unsere Lehre teilt", und seit dem fünften Jahrhundert galt Seneca vollends als Christ. Diesem Umstand ist es schließlich zu danken, dass ein großer Teil von Senecas Lebenswerk erhalten blieb. Ein gefälschter Briefwechsel mit dem Apostel Paulus, vierzehn recht unwesentliche Schreiben, sollten die These von Senecas Christentum bestätigen, die noch im neunzehnten Jahrhundert von französischen Gelehrten vertreten wurde. Wer den Geist der römischen Stoa erfasst hat, wird diese Ansicht freilich leicht widerlegen können. Es genügt schon, den Zehn Geboten der christlichen Kirche das ethische Bekenntnis des stoischen Weisen gegenüberzustellen, wie es Seneca z. B. im Buch vom glückseligen Leben geprägt hat, um diesen Unterschied ganz deutlich zu machen. Richtet Gott dort durch den Mund seines Propheten an die Menschen das gebietende: „Du sollst!" so bekennt hier der Mensch vor seinem Gewissen: „Ich will!", und der christlichen Verheißung: „Euer Lohn ist groß im Himmel!" steht die Überzeugung Senecas gegenüber: „Das rechte Handeln trägt den Lohn in sich." Seneca und das Christentum verbinden ewige Menschheitsgedanken, wie seine Lehre vom inwendigen Gott, die in jeder Zeit religiöser Vertiefung wieder als ganz neu erlebt werden. So ist es auch verständlich, dass Meister Eckehart in der Zeit der deutschen Mystik Seneca immer wieder als Zeugen anführt.
Eine Lehre von der Verantwortung vor sich selbst und von der Erlösung im eigenen Herzen kann niemals eine Weltanschauung der Massen werden, sie bleibt die Ethik der Wissenden und Einsamen, der Warner in der Sturmflut. Was Seneca an der Schwelle des Abendlandes verkündete, ergreift nun den Europäer in einer Zeit, da dieses gleiche Abendland zu zerfallen droht und der Mensch in das All vorstößt, ohne der Ausweitung seiner Welt auch innerlich gewachsen zu sein. Auch unser Geschlecht kennt die Herrschaft

der Willkür, politische Verfolgung und Verbannung,

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Massenmord, Sittenverfall und Pharisäertum an Stelle des inwendigen Gottes. Vor allem aber kennt es den Tod in jeglicher Gestalt und ist oft schon bereit, ihn als den Bruder freudig zu empfangen.
Dieser Tod war das Hauptanliegen Senecas neben dem wahren Leben. Der Tod stand immer im Hintergrund seines Denkens, seit er ihm einmal drohend genaht war. Er sah ihn in dem furchtbaren Morden, das die Caesaren unter der römischen Adelsschicht anrichteten, Freunde und Standesgenossen hinwegholen und sah sie heldenmütig sterben. Er war immer bereit, den gleichen Weg zu gehen, wenn seine Stunde schlagen sollte. Er hat ihn den Menschen immer wieder vor Augen gestellt, den Erlöser der Leidbeladenen, den Befreier für die Bekenner der Gerechtigkeit. „Was ist der Tod? Ein Ende oder ein Übergang. Wir brauchen das Ende nicht zu fürchten, denn enden ist das gleiche, wie begonnen haben, und wir brauchen nicht den Übergang zu fürchten, denn nirgends werden wir in gleicher Enge wohnen2»." Der vollkommene Mensch wird nach Senecas Meinung auch nicht zögern, sich selbst ein Ende zu setzen, wenn seine Zeit gekommen ist. Seneca hat selbst die Forderung erfüllt, die er an jede wahre Philosophie gestellt hat: dass sie nicht reden, sondern leben lehre. Leben und sterben. Wer in seinen Gedanken heimisch wurde, wird bald die große Ruhe spüren, die aus den oft so schlichten Sätzen heilkräftig auf uns überströmt. Wohl jedem, der wie Seneca die letzte Probe ohne Zagen erwarten kann:
„Nicht wer etwas geheißen tut, ist elend, sondern wer es widerwillig tut. Darum wollen wir uns innerlich bereit machen, zu allem, was das Leben fordert, ja zu sagen. Vor allem lasst uns ohne schmerzliche Empfindung an unser Ende denken. Wir müssen uns viel eher auf den Tod, als auf das Leben vorbereiten. Dass wir genügend lebten, hängt nicht von Jahren und von Tagen ab, sondern von unserem Herzen. Ich

habe genug gelebt. Als ein Vollendeter erwarte ich den Tod."                         

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Im Laufe des Oktober werde ich zu dem Text meine eigenen Gedanken aufschreiben und hier veröffentlichen.         Wolfgang

Menüknopf