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Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn



















Kreta - meine Geschichten


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Kastelli

Ein Reinfall hoch hinauf
Die Menschen, denen ich in Irenäus' Residenz begegne: Aspasia, Christina, Maria, Gerret, der alte Priester Georgis, ein junger Franzose auf Studienreise, unterwegs mit dem Fahrrad, Irini, die Friedliche, ein junges Mädchen.

Die Überschrift für dieses Kapitel meines Lebens formulierte ich absichtlich paradox, denn was ich erleben und erfahren durfte stellt vieles von dem auf den Kopf, was mir vorher als vernünftig und gesichert erschien.
Zwei bis drei Tage sollte ich in Kastelli bleiben dürfen, dem Verwaltungsitz von Bischof Irenäos, und selbst wenn es nur ein Tag mit angeregtem Gedankenaustausch sein würde, wäre ich hoch zufrieden. Allerdings fühlte ich einiges Unbehagen wegen der schweren Problematik, die es zu bewältigen galt, wo er doch erstens im hohen Alter und zweitens eben orthodox orientiert an feste Denkmuster gebunden ist. Mir war klar, daß sehr behutsam vorzugehen ist und somit ein längeres Gespräch notwendig würde, um die Klärung der zentralen Frage vorzubereiten. Insofern wäre es schon sinnvoll, wenn er eine Nacht über einigen meiner Aussagen schlafen könnte.

In Iraklion wollten mir uns treffen, von wo aus er mich mit seinem Auto mitnehmen wollte. "Rufen sie mich Mittwoch noch einmal an", sagte er, und das war für mich ein Befehl. Dass der Bus dann weg sein würde und ich Probleme hätte war mir wohl klar, nur wollte ich ihm den Gehorsam entgegen bringen. Trotz aller Mühe kam eine Verbindung mit ihm nicht zustande, und ich startete ohne seinen Segen. Natürlich half mir in Pirgos niemand, ein Auto zu organisieren, aber ich sagte mir vorher "Wolfgang, du schaffst es, wie immer", und es gelang mir. Zwar erreichte ich mein Reiseziel nicht zur rechten Zeit, aber er ließ mich dann immer noch zwei Stunden warten, bis es endlich losging. Ohne ihn. Ich saß alleine hinten in seinem alten blauen Mercedes, wurde das erste mal in meinem Leben chauffiert. Ein Vergnügen, das ich genußvoll entgegen nahm.

Nun, das Folgende war eigentlich typisch für meinen Weg. Ich hatte mir längere und intensivere Gespräche mit ihm erhofft, dem weisen alten Kämpfer für Gottes Rechte auf Erden, nur gab er mir persönlich wenig Aufmerksamkeit, die sich zudem nicht auf meine große Problematik bezog. Sicher vermittelte mir auch seine Aussage "Gott hat sie gesegnet" eine falsche Meinung von der Ebene, auf der ich meinte, mich mit ihm zu befinden. Am Anreisetag sprachen wir kurz während der Fahrt im Auto miteinander, am nächsten Tag ein paar Sätze beim Mittagessen, am folgenden Tag ein paar Sätze auf der Fahrt zu einem Kloster. Das war alles an direkter Begegnung, und ich muß ehrlich sagen, es reichte auch. Es hatte sich nämlich in ihm der Eindruck festgesetzt, daß ich mich um die Leiden eines abstrakten Gottes sorge, nicht mit meinen Händen für ihn arbeite, allein denke und grüble. Ich wußte vor den Gesprächen, daß ich in eine Beweissituation gedrängt werden würde, daß ich mich rechtfertigen müsse, denn schließlich bin ich nicht kirchlich organisiert. Mit diesem Status Null ist verbunden, daß ich kein Recht habe, über deren Gott nachzudenken, und daß man mich nur unterstützt, wenn ich mich bestimmten Ritualen unterwerfe oder unterworfen habe, die, so scheint es, unbedingt zu einer Gottesarbeit gehören. Als ich ihm sagte, daß ich frei bin, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: "Kein Mensch ist frei. Sie müssen essen und trinken und brauchen Geld, sie sind auf Menschen angewiesen, die ihnen helfen". Ich glaube, er konnte nicht verstehen, wie ich diese Freiheit meinte, die geistige Freiheit oder sich nicht von einem ideellen Weg abbringen lassen. Okay, alter Mann, ich kann dich schon verstehen, und alles was mit dir läuft, akzeptiere ich natürlich, wo du es sicher mit allen Ratschlägen nur gut meinst.

Das war der Reinfall, aber warum nach oben?
Der Abend vor der Abreise brachte mir dank größeren Kopfzerbrechens einige Feststellungen und ein paar sich daraus ergebende Fragen.
1. Das "Fremde Wesen" ist in Gottes Spiel eingedrungen.
2. seine Ideen haben Macht, also Kontrolle, Energie und Wissen.
3. Solange dieses Wesen Macht besitzt, ist Gott ohnmächtig.
4. Wie das Wesen in das laufende Spiel eindringen konnte, ist ein Geheimnis.
5. Die Idee dieses Wesens ist ein Geheimnis.
6. Ein Teil dieser Idee ist ihr Weg in Gottes Spiel.
7. Die Idee entdecken, Duplizität erzeugen, und die Idee wäre verschwunden - ein möglicher Weg zur Beendigung des bösen Spiels
8. Das Leiden zu duplizieren hieße, auf die Wirkung der Idee zielen.
9. Man kann aber auch von der Wirkung auf die Ursache schließen.
10. Die "Fremde Idee" ist mit Gottes Wesen fest verbunden, und das ist ein Teil ihrer Macht.
11. Es entstand ein Gegeneinander.
12. Die Folge war Materie.
13. Es entstand Aversion und als Folge eingeschränkte Affinität.
14. Womit hat das "Fremde Wesen" die Aversion verursacht?
15. Wenn mit einer Lüge/Täuschung, mit welcher?
16. Woher mußte das "Fremde Wesen", wie Gottes Macht zu brechen war.
17. War die Schwachstelle in der Schöpfung offensichtlich?
18. Mit welcher Idee täuschte das "Fremde Wesen" Gottes Wesen?

Und eine Hypothese:
Wenn Gott die Energie ist, die ich "Bühne für das Spiel der Wesen" nenne, wäre damit erklärt, daß Gott mit dem Leiden seiner Kinder verbunden ist.
Sicherheit ob meines Wissens war mein Reisegepäck, wogegen die wenigen (verfügbaren!) Fragen vielleicht für den weiteren Weg sogar nicht einmal einer Antwort bedurften. Ich will es vorweg nehmen, es folgte am Donnerstag ein furchtbares Gemetzel, eine Schlacht friedlicher Art zwischen David und Goliath, wobei ich nicht festschreiben kann, wer wer war. Der andere hieß jedenfalls Gerret, Pastorensohn, zivildienstleistender junger Deutscher, der sich in Kastelli seit 14 Monaten als Hausmeister betätigt. Er nahm mich unter seine Fittiche, wies mir die Wege in den Häusern, informierte mich über die Gepflogenheiten und leistete mir an dem besagten Abend Gesellschaft.

Unser Gespräch begann so harmlos und unverbindlich, wie alle großen Sachen wohl beginnen müssen. Am Ende allerdings sah ich die Hälfte meines geistigen Fundaments in Trümmern liegen. Schutt und Asche, rauchende Fragmente, aber ein klarer Kopf mit einer völlig neuen Perspektive. Sehr entwicklungsfähig, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen sollte. Ja, so ist das eben, wenn man bereit ist, Standpunkte zu verlassen und damit Leere herstellen kann für neue Synthesen. Sechzehn Seiten Papier nahm ich mit, keine Seite zuviel und keine zuwenig für das Thema "Nach der Leere". Tags darauf sagte ich: Das was mir gestern passierte, der Verlust eines großen Teils meiner ideellen Identität, das Erkennen, daß die meisten der Ergebnisse meiner Arbeit der vergangenen sechs Monate schlicht falsch sind, reicht aus für einen Selbstmord. Aber diese Art Verluste sind durch Training fester Bestandteil meines Lebens geworden, Ent-Täuschungen, die ich als Erfolge einordne, und je bedeutsamer die verlorene scheinbare Wahrheit war, je größer stellte sich auch der Gewinn ein.

Das Thema hieß "Leiden"
Gott leidet unter den Leiden der Menschheit. Ich versuchte Irenäos zu erklären, daß Leiden ein Zustand von Unfähigkeit ist, der den Leidenden unfähig macht, ihm nicht erlaubt, eine wirksame Hilfe zu geben. Erzeugt das Mit-Fühlen einen Mit- Schmerz, wird aus der Anteilnahme eine Ohnmacht. Als Beispiel nenne ich die Sehnsucht. Sehnsucht ist ein Motiv, eine Ursache, die nicht zwangsläufig mit Leiden verbunden ist. Sehnsucht ist für den Verlust, der Schmerz fühlt, für den aber Gewinn, der darin den Weg zu einem möglichen mehr an Freude sieht. Sehnsucht als Motiv ist neutral, denn sie bekommt ihren Wert erst durch den Zustand, den sie bewirkt. Und selbst wenn Schmerz ein Attribut der Sehnsucht ist, ist dieser Schmerz kein Leiden, wenn aus der folgenden Handlung ein Erfolg wächst. Darin stimmen wir überein.

Für das nächste Gespräch mit ihm bereite ich mich vor, will ihm ein paar konkrete Fragen und von mir vertretene Gesetzmäßigkeiten vorlegen:

1. Wenn Gott allmächtig ist, alles weiß und alles tun kann, sind seine Fähigkeiten dann Gut und Schlecht?

2. Wenn Gott allmächtig ist, welche Maßstäbe gelten für die Werte seines Erschaffens?

3. Wenn Gott alleine die "Welt der Menschen" erschuf, er die alleinige Ursache für die Welt ist, hat er auch die alleinige Verantwortung für sein Werk - und die daraus folgenden Leiden?

4. Wenn Gott die Verantwortung für seine Welt hat (haben muß), kann niemandem eine Schuld für die herrschenden Zustände zugeschrieben werden.

5. Wenn Gott eine Welt mit Freuden und Leiden erschuf, und er dieses selber erfühlen muß, er das aber auch erfühlen wollte (denn sein Wille geschah), wäre er ein Sadist - des erschaffenen Leidens wegen, und gleichzeitig ein Masochist, indem er sich freiwillig Leiden zufügte.

6. Wenn Gott Heute ein allmächtiger und guter Gott wäre, würde er sich und die Welt vom Übel erlösen?

Harter Tobak. Widersinnig, unsinnig, schwachsinnig, ausgeschlossen? Nun, ich erlaube mir die Freiheit zu versuchen, an alles mögliche zu denken.

Aus einem Kreta-Forum:
Hier wird der "Bischof" von Kastelli erwähnt - da muss es sich um den sehr alten Irenäus handeln, den enormes soziales Engagement und sehr tolerante ökomenische Einstellungen auszeichnen. Er ist 1911 geboren, inzwischen hat er einen amtlichen Nachfolger, aber einer wie der wird wohl nie aufhören, mitzureden, so lange er kann und er wird auf Kreta hoch geachtet fast wie ein Heiliger. Die Gründung der großen Schifffahrtslinien als Aktiengesellschaften, das Gesundheitswesen vor allem auf dem Land, die Aktivitäten im Kloster Gonia und vieles andere haben die Kreter ihm zu verdanken. Zufällig kenne ich seit kurzem eine entfernte Verwandte, die hier in Krefeld ebenfalls sozial tätig ist - sie hat mir viel von diesem Mann erzählt und ich hoffe sehr, daß ich es noch irgendwann schaffe, diesen Menschen einmal persönlich zu erleben! Er ist ja früher von den Deutschen verfolgt worden, später aber sehr lange für die griechischen Gastarbeiter in Deutschland hier gewesen und daher hat er seine ökumenische, auch der evangelischen Kirche positiv zugewandte Einstellung.

Am Sonntag, 15.12.2002 wird das frisch restaurierte Tierheim in Nerokouro gesegnet. Um 17.00 wird dazu der Erzbischof von Chania, der Metropolit Irenäus, das Tierheim besuchen und den Segen der Kirche geben. Auf Kreta bedeutet diese Anerkennung durch die Kirche sehr viel und wird u. a. von der Bevölkerung sehr wichtig genommen. Die Bauleitung hat dazu eine Ikone vom heiligen Módestos aufstellen lassen. Aus diesem Grund wurde auch der 15.12. gewählt, denn am Montag, 16.12, wird der Namenstag des Agios Módestos, des Schutzheiligen der Hirten, der Tierärzte und der Tiere gefeiert. Die Tierschützer auf Kreta erhoffen sich dadurch auch Respekt der Griechen vor dem TH und der Arbeit der Tierfreunde auf Kreta. Eingeladen zur Segnung in Nerokouro wurden u. a. Frau W. , die Bauleitung und der Vorstand des Fördervereins Arche Noah Kreta. Thomas Busch und Andre Rößler sind zu diesem wichtigen Termin angereist. Für Foto und Film- Dokumentationen wird gesorgt.

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