Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn

Wolfgang

Rache
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Versuch einer Analyse

  1. März 2010

Erich Fromm:
In der "Anatomie der menschlichen Destruktivität" schrieb ich: "Wenn der Mensch nichts schaffen oder niemanden "bewegen" kann, wenn er nicht aus dem Gefängnis seines totalen Narzißmus und seines Abgetrenntseins ausbrechen kann, so kann er doch dem unerträglichen Gefühl seiner vitalen Impotenz und Nichtigkeit dadurch entrinnen, daß er in einem Akt der Zerstörung des Lebens sich selbst bestätigt."

Die Zerstörung ist die Kreativität des Hoffnungslosen und Verkrüppelten, sie ist die Rache, die das ungelebte Leben an sich selbst nimmt.

Aber die Rache nennt sich niemals selbst bei ihrem eigenen Namen, am wenigsten dort, wo sie sich gerade rächt. Die Rache nennt sich „Strafe“. Sie setzt dadurch ihr feindseliges Wesen in den Schein des Rechtes. Sie verdeckt ihr widerwilliges Wesen durch den Schein der Zuweisung des Verdienten. Strafe nämlich, so heißt sich die Rache selber: mit einem Lügenwort heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.
Martin Heidegger: Was heißt denken? 1954

Rache und Vergeltung erscheinen in vielfältigen Formen – denken wir an die Strafen und die Rebellion, an Intrigen, an Boykotte und Sanktionen, an Ausgrenzungen, an Verleumdungen, an Aufbegehren und Revolution, an Verrat, Gewalt und Gegengewalt, an Mord und sogar an Selbstmord, an Gesetze, an den Strafvollzug oder an den Krieg. Die Ursachen, die zu rächenden und vergeltenden Maßnahmen führen, sind ebenso viel- -fältig. Macht, Eifersucht, Neid, Unrecht, Differenzierungen, Fremd- heit und noch mehr sind Quellen der Rache, wie auch Traumata, die unbewusst geblieben sind und sich in Feindbildern entladen. Individuen, Gruppen und sogar ganze Völker sind von Rache und Vergeltung betroffen – als Ziel oder Absender von Rache- und Vergeltungs- maßnahmen. Rache und Vergeltung sind also ein komplexes Gebilde.

Die Ruhe aber stellt sich ein, wenn man Vergeltung geübt hat. Denn die Rache setzt dem Zorn ein Ziel, indem sie Freude anstelle des Schmerzes hervorruft. Solange dieses nicht geschieht bleibt der Druck auf ihnen lasten. Denn da ihre Stimmung nicht nach außen tritt, so redet auch niemand ihnen gütlich zu, und um für sich selber den Zorn zu verwinden, braucht es Zeit. Solche Leute sind sich selbst und ihren besten Freunden eine schwere Last. Grimmig nennen wir die, die aus unrechtem Anlass und mehr und länger als sich gehört, zürnen und nicht eher aufhören, bis Rache oder Strafe erfolgt ist.
Aristoteles: Nikomachische Ethik - übersetzt von Eugen Rolfes 1985

Ebenso ist festzustellen, dass in den rückständigen Gruppen (...) das Rachegefühl (zum Beispiel für eine nationale Niederlage) am stärksten zu sein scheint. So ist das Kleinbürgertum, dem es bei den Industrievölkern am schlechtesten geht, in vielen Ländern der Hauptherd der Rachegefühle, wie es ja auch der Hauptherd der rassistischen und nationalistischen Gefühle ist.
Erich Fromm: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen. 1964

Ein Grund, dass Rache nicht zu den offen dargelegten Inhalten der Diskurse zählt, ist ihre Verbindung mit dem Archaischen. Rache wird zu den niedrigen Instinkten gerechnet, und ihr gehört ein Riegel vorgeschoben. Da sie aber ganz offensichtlich doch ihren Platz braucht und auch in Anspruch nimmt, entlädt sie sich anderweitig.
Karl Isak: Die Rachegesellschaft

Semantisch gesehen ist der Rachebegriff negativ besetzt, ähnliches gilt auch für das Wort Vergeltung. Sie gehören zu jenen „Minuswörtern“, mit denen niemand direkt in Verbindung gebracht wird. Insbesondere die Rache wird als niedriger Instinkt angesehen, der in der heutigen Werte- und Normengesellschaft keinen sichtbaren Platz finden darf. Rache und Vergeltung haben etwas Logophobisches an sich. Sie gehören zu den Worttabus, welche die Vorstellung in sich bergen, dass bestimmte Wörter nicht ausgesprochen werden dürfen, weil dies die Götter reize, und Unglück bringe und gegen die guten Sitten verstoße
Wolf Schneider: Wörter machen Leute.

Vergeltung wird heute fast nur negativ verwendet im Sinne vor allem von Rache. Dem war früher nicht so; ich erinnere lediglich an das „Vergelt’s Gott“ das noch in meiner Kindheit als Dankspruch in Brauch war. In früheren Gesellschaften findet sich auch die positive Vergeltung. „Die Gabe verlangt Vergeltung“ heißt es, sinngemäß in diesen Kulturen. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass von alters her in den Religionen die Strafe überwiegt. Bis in unsere Gegenwart obsiegt ja in der Idee der Gerechtigkeit, die ohne Vergeltung gar nicht zu denken ist, das Moment der Strafe und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sogar im aufgeklärten quasi-humanistischen Strafrecht die Rachsucht nur schwer zu übertünchen ist.“
Georg Jánoska: Vergeltung und Schuld.

Rache ist Vergeltung und ruft nach neuen Vergeltungsmaßnahmen. Das durch Rache geahndete Verbrechen versteht sich selbst nur äußerst selten als ursprüngliches Verbrechen; es will bereits Rache für ein früheres Verbrechen sein.
René Girard: La Violence et le Sacré.

Rache ist nicht Befreiung von der Vergangenheit, nicht Befriedung & Versöhnung, sondern ihre Wiederholung – wenn wir ihre zeitliche Dimension betonen wollen. Das im Englischen gebräuchliche Wort der >re-venge<; macht den Charakter der Wiederholung besonders deutlich, den reaktiven Anteil an der Tat.
Gerhild Ganglbauer: >Rache<

Kriegerische Gewalt verursacht, wie es beim einzelnen Mord ebenfalls geschieht, Rachegefühle. Es drängt sich die Pflicht zur Rache deshalb auf, weil Mord Abscheu erweckt und weil die Menschen am Töten gehindert werden müssen. Die Verpflichtung, kein Blut zu vergießen, ist nicht eigentlich von der Verpflichtung, vergossenes Blut zu rächen, zu trennen. Um also der Rache ein Ende zu setzen, um heute Kriegen ein Ende zu setzen, genügt es nicht, die Menschen von der Verabscheuungswürdigkeit der Gewalt zu überzeugen; gerade weil sie davon überzeugt sind, machen sie es sich zur Pflicht, Gewalt zu rächen.
René Girard: La Violence et le Sacré. 1972 (Das Heilige und die Gewalt

Kommentar zu 9/11:
Die Menschen wurden weltweit mit Rachegedanken konfrontiert und diese erhielten ein breites Verständnis. Archaisch wie die Rache nun einmal ist, wurde dieser Trieb wieder entdeckt und erhielt eine Legitimation, die durchaus überraschend war.

Atiq Rahimi:
Das Rachegefühl ist zutiefst menschlich und im Sinne von C. G. Jung archetypisch in unserem kollektiven Unterbewusstsein eingeschrieben. Wichtig sind jedoch die Mittel, die herangezogen werden, um es auszuleben. Wenn es uns gelänge, die Realität, also die konkrete Tötung, in die Vorstellungswelt zu verlagern, könnten wir endlich aus der Logik der Vergeltung aussteigen.

In meinem Leben passieren schon einige recht sonderbare Dinge. Plötzlich war die Idee in mir anwesend, mir sozusagen der einzige heitere Himmel weit und breit. Rache ist für mich persönlich nicht relevant.Vom Typ her verhalte ich mich so, dass andere keinen Grund zur Rache entwickeln können - was nicht bedeutet, ich scheute auf einer vernünftigen Ebene Auseinandersetzungen. Gleichwohl begegnet mir wohl täglich Rache als Vergeltung in Form von Massregelungen, bestenfalls als Beschimpfung. Gerade erinnere ich mich an den Autofahrer, der mich fast (absichtlich) überfahren hätte, weil mein Fahren auf der Strasse für ihn bestrafungswürdig war.

Rache ist ein heißes Eisen, ein Thema, das, davon bin ich überzeugt, an die Grundsubstanz des Menschseins geht. Als ich nachmittags mit Susanne diskutierte und einwarf, wir hätten lt. Bibel einen rachsüchtigen Jahwe-Gott, meinte sie, dahin würde sich die Rache des Menschen des Menschen reflektieren bzw. projizieren; könnte sein, ich glaube es nicht. Zwar habe ich klare Vorstellungen vom "Wesen der Rache", aber wie es meine Art ist, recherchierte ich nach Meinungen anderer Zeitgenossen, von denen gleich einige zu Wort kommen, wenn auch einige posthum. Es war interessant, auf welche Weise sich die anderen Geister dem Thema näherten, nämlich indirekt, indem sie die Wirkungen analysieren. Ich aber werde den Weg zurück versuchen - re-ligio - und die Fragen zu beantworten versuchen: was war am Anfang, und was davor.

Gewürzt wird das Thema mit Bildern aus 2009: das Beste, das nicht gut genug war.

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Rache ist von ihrem Wesen her ein Reflex

Einige Philosophen und Psychalogen/Analytiker meinen, die Rache komme aus dem "Kollektiven Unbewussten" (nebenstehend die Jung'sche Erklärung).
Mit dem Ansatz stimme ich überein. Es gibt eine "Erbmasse" geistiger Natur, über die nicht die Menschheit verfügt, sondern die, und zwar in ihrem Sinne, über die Menschen verfügt. Andererseits stimme ich nicht damit überein, Rache abwertend als einen niederen Trieb zu kategorisieren. Ich bin vielmehr der Meinung, dass Rache als eine Idee existiert und dargestellt werden MUSS. Für mich sehr logisch, da Rache seit Menschengedenken existiert, sprich, praktiziert wurde. Weiter ist für mich klar, dass Die Idee der Rache nicht vom Leben als Substanz (und Phänomen) zu trennen ist. Folglich:
Wo Leben ist, ist auch Rache.

Um das Wesen von Rache besser verstehen zu können, sollten wir auch kurz ihr Wesentliches beschreiben: Rache ist der Versuch, für einen Schaden durch "einen Schaden zufügen" einen Ausgleich zu schaffen. Denken wir an die Blutrache, wird sofort klar, wie unsinnig der Ansatz ist - und ich glaube, er ist es in jedweder Ausgestaltung: Rache ist IMMER destruktiver Natur. Bliebe es bei dieser Betrachtung, hätte Leben ein negatives Vorzeichen - was übrigens nicht wenige Menschen glauben. Aber die Verbindung von Leben als energtischer Substanz und einem Geist mit Namen Rache ist ja nur die eine Seite einer Medaille, deren andere Seite konstruktiver Natur ist. Potenziell können wir dank unseres Intellekts das Wesen des Lebens/der Rache analytisch verstehen, und dank unserer Liebesfähigkeit sind wir in der Lage, das Wesen der Rache zu verwandeln in ein konstruktives Element im Miteinander, das der Hilfe. Klar, dass Prinzip der Nächstenliebe hat sich in unseren Gesellschaften bisher nicht durchsetzen können. Woran das liegt, scheint mir ziemlich klar zu sein:
Es gibt einen Geist, der den Menschen statuiert als "schlimmer als ein Tier". Was ich glaube, ist etwas ganz anderes:
Der Mensch erbte den Geist der Rache. Damit wurde er berufen, sein Wesen darzustellen und ihn eben durch sein Leben/Erleben zu wandeln in einen konstruktiven Geist. Mir scheint, für das Prinzip der Rache brauchte es eine Lösung, und um die zu erschaffen, brauchte es Leben, brauchte es die Gestaltung einer Welt, in der das nicht nur möglich ist, sondern zwingend auch geschieht.


Das kollektive Unbewußte: "Das kollektive Unbewußte ist ein Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewußten dadurch negativ unterschieden werden kann, daß er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist. Während das persönliche Unbewußte wesentlich aus Inhalten besteht, die zu einer Zeit bewußt waren, aus dem Bewußtsein jedoch entschwunden sind, indem sie entweder vergessen oder verdrängt wurden, waren die Inhalte des kollektiven Unbewußten nie im persönlichen Bewußtsein und wurden somit nie individuell erworben, sondern verdanken ihr Dasein ausschließlich der Vererbung."

"Das kollektive Unbewußte entwickelt sich somit nicht individuell, sondern wird vererbt. Es besteht aus präexistenten Formen, Archetypen, die erst sekundär bewußt werden können und den Inhalten des Bewußtseins festumrissene Form verleihen."
C.G.Jung - "Archetypen"


Um meinen Gedankenansatz zu vervollständigen, wiederhole ich den zweiten Teil der Eingangsfrage: Was war VOR unserer Zeit, wie wir sie kennen? Dazu greife ich den Begriff "Rache als Erbmasse" wieder auf. Vermutlich meint man mit dieser Begrifflichkeit eine Vererbung von Mensch zu Mensch oder von Generation zu Generation, also in die Zukunft hinein. Aber wie entstand das "Kollektive Unbewusste"? Carl Gustav Jung benutzt den Begriff "präexistente Formen", was für mich so viel bedeutet, wie: vor der Phase der (körperlichen) Existenz. Wenn ich der Bibel Glauben schenke, die einen "Kampf der Engel" beschreibt, wäre das zum einen eine nicht-körperliche Ebene, auf der zum anderen ein destruktives Miteinander statt fand. Es könnte sein, dass es auf dieser Ebene keine Lösung für den Konflikt geben konnte, und ein anderes Szenario gestaltet werden musste: Unsere Welt, die eine schöpferische Welt ist, in die "alte" Probleme injiziert wurden.

Zu der Idee paßt wohl nahtlos meine Vorstellung vom Wesen der Psyche: Sie ist Lebenskraft, sie ist Trägerin der zerstörerischen Ideen, und sie ist Werkzeug zur Verarbeitung verschiedenster Informationen (Geist/Ideen - Gefühlen und Emotionen - Vernunft/Intellekt). Weiterhin scheint mir unerlässlich zu sein: sie muss auch ein Ziel kennen, um aus den Informationen einen Weg, einen Lösungsweg gestalten zu können.

Rache ist ein doppelschneidiges Schwert. Sie wird subtil zur Ordnung in der Gesellschaft angewendet und richtet dort nur Unheil an. Sie wird in Familien angewendet, überall dort, wo Strafe in destruktiver Form sich zeigt. Mir geht ein Satz, den eine Nachbarin sprach, seitdem nicht mehr aus dem Sinn:
"Der hat ein paar in die Schnauze gekriegt, aber er hatte selber Schuld, weil er frech war". Das ist im Prinzip Rache: jemand wird verletzt - und zahlt mit Verletzung zurück. Im Grund ist es jedoch nur ein einziger Umstand, der Rache auf die Bühne des Miteinanders rufen kann: Verletzbarkeit. Darum glaube ich, dass wenn wir die Rache als archaisch-kollektives Grundmuster überwinden wollen, braucht es einen Weg, der zum Selbstbewusstsein des Menschen führt.

Heute auf unserem Ausflug konfrontierte mich die Katholische Kirche mit dem Begriff "Anbetung". Ihr Ansinnen ist in meinem Sinne vom Ansatz her bereits sehr destruktiv. Braucht ein "Gott", dem wir Dienst leisten, auch noch unsere Unterwürfigkeit, unsere Aufmerksamkeit, unsere Energie, unsere Liebe?

Der Mensch sollte und kann sich besinnen auf seine Aufgabe, die er innerhalb der Schöpfung leistet.
Und er leistet, zahlt mit Leid und Tod.
Dafür braucht er niemandem danken, dafür ist er nichts schuldig, dafür braucht er sich von nichts und niemandem demütigen und entwürdigen lassen.
Menschsein ist eine Aufgabe, die zumindest Respekt gebietet. Und es würde mich nicht wundern, wenn man der Leistung der Menschen auch Dank entgegen bringt.

Abschließen möchte ich meinen kleinen Ausflug hinter die Bühne des Lebens mit einem Satz, den ich vor ein paar Tagen aufschrieb:

... das Menschwerdung direkt gar nichts mit Menschen zu tun hat, sondern mit einer Qualität, die ein "Wesen" für seine sichere Existenz braucht?

Woher diese Idee kam?
Es waren Susannes Worte:
"Ich habe mit diesem Leben
persönlich überhaupt nichts zu tun".

Glückauf!


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