Wolfgang

Psyche


Zum Fliegen braucht man auch kleine Federn

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Schande und Scham - Sünde und Schuld

Zufällig hörte ich heute Mittag im Treppenhaus ein Wort, das in meinem persönlichen

Wortschatz überhaupt nicht vorkommt - allerdings in meinen Kindheitserinnerungen: Schande. Es kam aus dem Mund einer Frau, die mit ganz besonderen Eigenschaften ausgestattet ist: schwer krank, Asthma und Kettenraucherin, natürlich dabei saufen, um die Unvernunft erträglich zu machen, und (als wäre das nicht mehr als genug und was mir ein besonderer Dorn im Auge ist) sie weiß über alle Menschen etwas und etwas mehr zu sagen, nur nicht ein gutes Wort. Ja, falls jemand das Phänomen der Projektion aus den Augen verloren haben sollte, hier tritt es in Überdeutlichkeit in Erscheinung.

15. August 2009

Fundstücke zum Thema

Brutale Erziehungsmethoden, Zwangsarbeit und sexuelle Übergriffe - das haben Kinder in den 50er- und 60er-Jahren in westdeutschen Erziehungsheimen ertragen müssen.
(Bericht über "Erziehungs"- Methoden kirchlichen Einrichtungen)


Die katholische Kirche in Irland steckt in einer ihrer tiefsten Krisen. Nach dem Skandal um den sexuellen Missbrauch tausender Kinder durch irische Geistliche traten Weihnachten zwei weitere Bischöfe zurück. Eamonn Walsh und Raymond Field, Weihbischöfe der Erzdiözese Dublin, teilten ihre Entscheidung in Christmetten an Heiligabend mit. Gleichzeitig erschüttert ein Fall von Missbrauch in der Familie von Sinn- Fein-Chef Gerry Adams Nordirland.

Als Jesus sich in das Haus des Zöllners begab, der als gewissenloser Beamter galt, brachte er Schande über sich. Ebenso, als er sich die Füße von einer stadtbekannten Dirne küssen und salben ließ. Schande brachte er auch über sich, als er sich am Sabbat der Kranken und Gebrechlichen annahm und sich schließlich – der Höhepunkt des schändlichen Tuns Jesu – sogar mit den Toten abgab, sie berührte und wieder zum Leben erweckte. Es gäbe noch mehr aufzuzählen, was eigentlich alles nach Meinung der Zeitgenossen Jesu an seinem Verhalten schändlich war. Am schändlichsten aber war sein Tod am Schandpfahl.

Was sagt Wikipedia zur "Schande":
In der englischen Sprache bedeutet Shame sowohl Scham wie auch Schande, in der griechischen Sprache entspricht es ebenfalls dem Schamgefühl. Im Französischen steht dagegen Blamage zunächst für ehrverletzende Schmähungen sowie heute im Deutschen für Bloßstellung, Reinfall, Peinlichkeit. Veraltet wird Schande im Sinne von „Schändung“ für Formen der Unzucht sowie heute noch des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener gebraucht, insbesondere des Inzests.
















Der heutige Zeitgeist geht mit dem Wort Schande lässiger um. Mag das auch daran liegen, dass das Gemeinschaftsgefüge auseinander brach, Vereinzelung der neue Trend ist.  Aber ist damit auch das Gefühl der Selbstanklage, der Selbstentwürdigung verschwunden?
Andererseits beklagt man einen moralischen Verfall, kann, ohne lange suchen zu müssen, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und Zerstörungswut beobachten - und es gibt nicht wenige, besonders der älteren Mitbürger, die nach "Zucht und Ordnung" rufen.

Angst zu haben ist keine Schande

Meine Kindheit war alles andere als harmonisch und behütet und meine ersten und deutlichsten Erinnerungen sind: Angst.
Angst vor Gewalt, Angst vor Schmerz und sexuellem Missbrauch (damals wusste ich noch nicht was das war.), Angst vor Alleinsein, Angst vor Hunger, um nur einige Ängste schon mal zu benennen.
Ich hatte vor allem Angst und die meisten Ängste hatten einen realen Hintergrund.
Aber ich wurde erwachsen und musste irgendwie weiter machen.

Ein Dreizehnjähriger:

... übrigens finde ich die christlichen Grundsätze gar nicht so falsch. Man soll seinen Nächsten lieben und ihm nichts Schlechtes tun.
Soviel erst einmal zu meiner Weltanschauung. Wie bei so vielen meiner Ansichten, wollen das meine Eltern nicht akzeptieren und hören patout nicht auf, mir das deutlich zu machen. Sie sagen, ich sei eine Schande für die ganze Familie.

(Google-Ergebnisse für
"Schande/Gott")

Menüknopf
Schuld
Sünde
Scham

"Mindestens zwanzigtausend Kinder haben deutsche Wehrmachtsangehörige in Dänemark und in Norwegen gezeugt. Einige von ihnen waren auch nach Ende des Krieges noch grausamen Repressionen ausgesetzt, die meisten litten 'nur' unter Schande und Scham, vielen wurde die Herkunft verschwiegen, und bis in die 80er- Jahre hinein war ihnen der Zugang zu ihren Akten verwehrt. Seit ein paar Jahren haben sich einige von ihnen organisiert und kämpfen gemeinsam um ihre Geschichte und um ihr Recht, in Norwegen auch vor Gericht".

Wie werden Kinder behandelt, wie Frauen, Tiere, und unsere Welt als Lebensraum; es gäbe real vieles zu beklagen. Ob eine Verbesserung des Miteinanders, eine Änderung der "Wertekultur" eintritt, indem man Menschen entwürdigt und beschimpft, wage ich mehr als nur zu bezweifeln.  Ist nicht eher die Entwürdigung von Menschen, die doch Geschöpfe "Gottes" sind (oder sein sollen), ein kontraproduktives, destruktives Verhalten?

Gerade fiel mir ein Satz ein, den ich vor Jahren las:
"Im Kampf gegen die Feinde opfert man seine Freunde".

Und ich schließe mit der kurzen Bemerkung, dass der Begriff Schande im Sinne seiner Bedeutung oft falsch benutzt wird. Mag man darüber nachdenken, warum es gerade ein Missbrauchsopfer hier im Treppenhaus tat.

          Wolfgang

Susanne brachte einen interessanten Aspekt ins Gespräch: Frauen, die vergewaltigt wurden und einen "Bastard" zur Welt brachten, brachten damit auch Schande über ihre Familie. Ist ganz interessant, finde ich, wie Frauen behandelt werden, weil sie nicht- männliche Wesen sind. Mag das auch an einigen Grundsätzen von Glaubensorganisationen liegen, die Frauen als unwürdig, als eine Fehlplanung des Lebens bezeichnen. Nicht zuletzt deswegen müssen Frauen, auch heute noch und auch in Deutschland, um eine Gleichberechtigung kämpfen.






















Bericht von Amnesty International:
Im Jahr 2001 stand in Berlin ein 22-jähriger Mann vor Gericht, der ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt hatte. Das Kind wurde daraufhin schwanger und erlitt eine Fehlgeburt. Die 18. Strafkammer des Landgerichts Berlin verurteilte den Mann zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Interessanterweise wurde an demselben Gericht im Juli 2002 ein Beamter einer Berliner Bundesbehörde wegen Unterschlagung von 250.000 Euro zu einer Strafe von 5 Jahren und 6 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Wir "Psychos" werden im Gesundheitswesen bei unseren Lösungsversuchen heftig attackiert, wobei weite Bereiche wie der psychosoziale Kontext tabuisiert sind. Als die Psychoanalyse in den USA den Begriff der "schizophrenogenen Mutter" kreierte, war sie bei vielen völlig unten durch. Es erhob sich ein Schrei der Empörung im ganzen Land "wir sollen an der Krankheit unserer Kinder schuld sein, wo wir doch alles tun, um sie zu verhindern!" Schicksal wird mit Schuld gleich gesetzt. Falls man bei Krebskranken von psychischen Faktoren spricht, wird der Kranke sofort "geschützt", "er fühle sich sowieso schon an seiner Krankheit schuldig". Millionen Forschungsgelder werden bei vielen Volkskrankheiten dort ausgegeben, wo die Lösungen garantiert nicht zu finden sind. Scham, Schande, Ächtung und Schuld sind zu große existentielle Bedrohungen, die heute trotz scheinbarer Aufklärung genauso aktuell sind wie zu Zeiten der Erfindung der Sphinx.
(kursiv - von mir!)


Autor: Bernd Holstiege, hier ist ein LINK.

Aus Scham gehen viele Opfer nicht an die Öffentlichkeit, gerade wenn die Schreckenstat im privaten Bereich stattfand. Dies zeigen wissenschaftliche Statistiken des Bundeskriminalamtes. So tragen die Opfer oft ein Leben lang die Schmach mit sich, die sie erlitten haben und müssen damit alleine fertig werden. Nicht selten führt das zu schlimmen psychischen Beschwerden.

Aber auch wenn sich die Opfer an die Öffentlichkeit wagen, heißt das nicht, dass ihnen unbedingt angemessen geholfen wird.

Oftmals werden die Opfer ohne weitere Nachforschungen von der Polizei wieder nach Hause geschickt bzw. dazu angehalten, sich doch mit ihren gewalttätigen Partnern wieder zu "versöhnen".
(Quelle: Ärzte ohne Grenzen)

in Arbeit:

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