Zum Fliegen braucht man auch kleine Federn

Neues aus dem Spacktolantenviertel

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              14. März 2009


Weil's bis zum nächsten Winter noch so lange hin ist, ein paar Bilder, die Susanne schoß.

Ganz normal Startseite

Idiot

Wer hätte nicht schon mal mehr oder weniger leidenschaftlich "Idiot" gesagt; ich natürlich auch. Erinnerte mich eben auf dem Weg zum Supermarkt an meinen Bruder, dass der in ganz jungen Jahren "Indiot" sagte, worüber alle lachten. Als ihm mit 19 auf dem Motorrad der Arsch abgefahren wurde, konnte er Idiot gut ausprechen, nur hatte er keine Chance, das dem Arzt zu sagen, der einen Moment nicht aufpaßte und ihn aus dem Leben riss. Sein Letztes Wort, als ich ihn auf dem Sterbebett besuchte, war artverwandt, nur ein Flüstern: "Scheiße".

Jedenfalls komme ich auf dem Weg durchs Spaktolantenviertel mehr als mir lieb ist in die Situation, das Wort Idiot zu gebrauchen, wobei es egal ist, ob ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin. Heute dachte ich über das Wort nach. Es hat ja über das Schimpfwort hinaus eine medizinische Terminologie. Na, wenn ich zu einem Idioten "Idiot" sage, ist das jedenfalls völlig daneben, weil, wenn er ein Schwachsinniger ist, das gar nicht verstehen könnte. Wenn ich Idiot zu einem Nichtidioten sage, ist das ja genauso unangebracht. Und wenn er das als Beleidigung auffasst und leicht erregbaren Gemüts ist, kann ich zu mir, während ich mir das blaue Auge kühle, selber sagen: Idiot. In dem Falle hätte der Begriff jedenfalls eine gewisse Berechtigung.

Idiot wird ja in der Regel, meine im täglichen Geschäft, der genannt, der etwas schräge Verhaltensweisen zeitigt. Aber auch der, der nicht das tut, was man normalerweise täte. Will mal, sie fiel mir gerade ein, die Geschichte von dem Arbeiter aus dem Sägewerk erzählen, auch wenn sie nicht ganz zum Thema paßt. Es ist Weihnachtsfeier und der Mann feiert seine fünfundzwanzigjährige Betriebszugehörigkeit; es wird gefeiert und natürlich ordentlich getrunken. Bier- und schnapsselig vertraut er dem Chef an, er habe jeden Tag einen Tasche voll Holz mit nach Hause genommen. Der Chef rechnet blitzschnell, sagt, das seien ja sieben Eisenbahnwaggons voll und kündigt dem Mann fristlos. So weit, so gut. Am Sonntag beichtet der Mann seine Sünden, er hätte sieben Eisenbahnwaggons Holz geklaut. Sagt der Pfarrer: "Du Idiot, hättest du mal jeden Tag eine Aktentasche voll mitgenommen".

Jedenfalls kann das Normale oder was als "normal" gilt durchaus auch verrückt sein. Im Spaktolantenviertel leben mehrheitlich die Grenzfälle des Bürgertums. Ich empfinde diese Menschen eigentlich als ganz normal. Zu den ich im Stillen Idiot sage, sind die "normalen" Bürger, die im Mercedes, BMW oder Audi mit hoher Geschwindigkeit durch den Ort rasen, um entweder Frust abzureagieren oder die der echten Freude verwandten Rauschgefühle zu generieren. Um Zeit zu sparen rasen sie keinesfalls. Wenn sie das echt glauben, mit wahnsinnigem Tun könnten sie die Grundlage für eine sinn- und freudvolle Phase legen, irren sie. Und so ist es ja tatsächlich: nur der wirklich Verrückte kann sein Verrücktsein nicht erkennen. Würden es die Raser erkennen, würden sie nicht mehr rasen.

Wie sagte kürzlich ein guter Freund: der Weg ist das Ziel. Darüber denke ich seitdem nach, weil ich spüre, da stimmt etwas nicht. Es stimmt nicht, wenn der Weg mühe- und leidvoll und das Ziel ungewiss ist; es stimmt nur für den ziellosen, der an nichts glaubt, außer an sein Gefühl in der Gegenwart. Diese Einstellung zum Leben ist durchaus nicht wahnsinnig, immerhin gilt ja: was man hat, das hat man. Fragt sich dann nur, ob Menschen, die Kinder haben und mit den oft frustrierenden Problemen der Aufzucht beschäftigt sind, verrückt sind. Da sie nicht wissen können, was aus ihrer Brut wird, ist ihr Ziel ungewiss UND wählten damit nicht das mit dem sinnlosen Weg verbundene Glück. Das Kinderhaben ist der normale Entwicklungsweg in der Gesellschaft, aber entschied man damit nicht für die schlechteste Möglichkeit für ein befriedigendes Leben? Kann aus dem Zwang zur Vermehrung die Situation entstanden sein, dass Eltern und Kinder unzufrieden sind? In einer Gesellschaft, die sich aus Idioten zusammensetzt, wäre das normal.

Mein Gott, bei der Philosophiererei wird man ja ganz verrückt. Ich schließe abrupt, nicht ohne die Entscheidung, noch ein paar schöne Bilder zu spendieren, damit die Seite nicht gar so schlimm wird.
Wolfgang

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