Zum Fliegen braucht man auch kleine Federn





















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Unsere Geschichte

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Objektiv und subjektiv


Das Gute erkennt man erst, wenn es weg ist,

das Schlechte erkennt man, wenn es kommt.


Als ich dieses italienische Sprichwort las, fielen mir die Worte einer sehr netten Nachbarin ein, die uns kürzlich von ihrem Mann erzählte:
"Er kam immer mit irgend etwas Gesammeltem nach Hause, brachte mit,was er draußen in der Natur fand. Es nervte manchmal, und erst jetzt, wo er tot ist, weiß ich seine Art zu schätzen." Ja, so ist das im Leben mit vielen Dingen, man bemerkt sie erst, wenn sie nicht mehr da sind.

Nun ja, ich meine, man denkt sich einige verlorene Dinge auch nachträglich "hübsch"; sublimieren nennt man den Vorgang in der Psyche (oder wo auch immer), glaube ich, während die "Küchenpsychologen" einfach von Verdrängen sprechen. Muss gerade schmunzeln über einen "Film", der in meinem Kopf ablief - sah einen Mann nüchtern in die Kneipe gehen, und wie er sich schüttelte, als er dort nur "Penner" und "Schlampen" rumhängen sah. Nach enigen Bieren und Schnäpsen weilte er jedoch unter Freunden und Objekten seiner Begierde. Und wie es so ist, fällt mir ein Spruch von Sir Francis Bacon ein, der sagte: "Der Mensch neigt dazu, das zu glauben, was er wahr haben möchte." Das "Perfekte" ist, das finde ich, sehr subjektiv, und dazu mag der Spruch " Ein Verliebter betrachtet eine Blume mit anderen Augen als ein Kamel" passen. An jeder Sache kann man einen Haken, ein Fürundwider finden, eine unschöne Seite an Menschen, Eigenschaften also, die sowohl gute als auch schlechte Emotionen bereiten. Die Welt so zu nehmen wie sie ist, scheint nicht so einfach.

Menschen sind unbestreitbar Individuen. Um sie mit ihren verschiedenen Wünschen, Ansprüchen und Rechten in eine Gemeinschaft zu gliedern, braucht es Regeln für Moral und Anstand, und bei aller gebotenen* Freiheit braucht es die Definition von Pflichten. Ja, ich staunte eben, als ich das Wort "geboten" schrieb. Es ist ja eine stille Vereinbarung, die wir untereinander und für uns selbst haben, dass wir einen Freien Willen haben und sozusagen unser Schicksal aus eigener Kraft und eigenen Ideen gestalten können. Subjektiv mag das jeder für sich anders fühlen, aber wie sieht es objektiv aus? Wir werden nicht umhin kommen, über Schicksal in seiner ureigenen Wortbedeutung im Zusammenhang mit Freiheit genauer zu betrachten.

* In dem Zusammenhang fiel mir sofort eine Aussage von Don Miguel Ruiz ein, der behauptet (ich sage das mal in lockerer Form), 95% allen Wissens, an das die Menschen glauben, seien Lügen.

Aber um zum Thema zurückzukehren, schreibe ich mal eine meiner Wahrnehmungen beim Radfahren. Viele von uns gibt's ja nicht, und so fühle ich mich manchmal zwoschen Baum und Borke, bin kein Autofahrer und kein Fussgänger - und bin beiden Verkehrsteilnehmern irgendwie lästig. Mit den Autofahrern habe ich es nicht leicht, weil die mich oft in gefährliche Situationen bringen. Viele fahren viel zu dicht und viel zu schnell an mir vorbei, und ernte gleichwohl ärgerliche Blicke, wenn mal jemand nicht sofort an mir vorbei kommt. Denke dann: die verpesten mit ihren Abgasen meine Luft, und eigentlich hätte ich Grund mich zu beschweren. Eine besondere Spezies sind die Mopedfahrer, die stinken besonders und die Lärmbelästigung ist auch erheblich. Und was denken die über Radfahrer? Vielleicht, dass wir "arme" Schweine sind im Vegleich zu ihnen, weil wir uns keinen Motorantrieb leisten können, uns besonders an Steigungen doch abquälen müssen, während sie da mal eben rauf huschen können. Ich denke aber auch was: die armen Schweine, können noch nicht mal Radfahren und müssen für vermeintliche Bequemlichkeit Geld zahlen und andere Menschen nerven.

Tscha, da stehen sich die beiden Welten nun gegenüber, und ich bin froh darüber, keinen engeren Kontakt als vorübergehende Belästigungen mit dieser anderen Welt haben zu müssen. Allerdings bleibt mir - die Gründe werde klar durch unser Buch - das Betreten anderer Welten nicht erspart. Las gerade das Buch "Mauern des Schweigens", von Catherine Barneron. Erschütternd ihr Bericht von einer äußerst grausamen Kindheit, in der sie über viele Jahre täglich brutal misshandelt wurde. Heute Nacht um 4.40 Uhr kam ich zum Ende ihrer Geschichte, und wusste plötzlich nichts mehr zu dem "Fall" zu sagen. Der Grund ist: in mir standen sich die objektive und die subjektive Seite der Geschichte gegenüber. Einfach wäre es, die Misshandler an den Pranger zu stellen, Rachegedanken und Bestrafungsgelüsten nachzugehen. Aber objektiv zeitigt eine Misshandlung  offensichtlich auch positve Ergebnisse für das Opfer, und sehr negative Ergebnisse für die Täter.

Nun kann es bei schweren Misshandlungen ja nicht um Sieger oder Verlierer gehen, obwohl in diesem Fall die Täter ganz sicher keine Sieger waren. Sie waren erbärmlich, nicht nur in ihrem Verhalten, auch in ihrer Substanz. Was sind das für
enschen, die sich an Schmerz und Leid anderer erfreuen können, oder müssen? Gibt es für Unmenschen auch Erbarmen?

Heile Welt, ein paar Beeren. friedlich, in einer Welt, die sie nicht verstehen müssen.

Vier kleine Entlein, am Rande eines Weges, der für sie nirgendwo hin führt.

Goldruten, eine Freude für die Bienen, eine Freude für den Wanderer, absichtslos.

Wasser im Kreislauf der Zeit, auf dem Weg, wahrscheinlich nicht zum Meer.

Da hängt er, immer noch. Warum nimmt ihn keiner runter?

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