Zum Fliegen braucht man auch kleine Federn





















Brombeeren verbinden


Manchmal brauchen Susanne und ich ein bisschen Abstand, was ganz einfach

umzusetzen ist; ich gehe einfach in meine Wohnung. Und da mein Antrieb, Brombeeren zu sammeln ungebrochen ist, ergab sich mein Alleingang in die Botanik praktisch ganz natürlich. Wollte unbedingt noch einmal zu der Stelle, wo wir die tollen Fotos von den Gleisen machten. Entdeckte, weil es bei diesem Ausflug nur um Brombeeren ging, einige sehr fündige Stellen und pflückte in relativ kurzer Zeit alle meine Gefäße voll. Machte mich frohgemut auf den Heimweg, aber weit kam ich nicht. An einer Brombeerhecke stand pflückend ein älterer Herr, dem ich ein paar kurze Worte der Anerkennung spendierte, und der war – von was auch immer - so angetan, dass wir uns bestimmt eine halbe Stunde angeregt unterhielten.

Günther, wieder mal ein echter Glücksfall für mich. Lokomotivführer im Ruhestand, weil 78 Jahre alt, und ein „strammer Kerl“, so würde ich ihn beschreiben: schlank, kräftig und eine feine Art von Charisma. Wir mochten uns auf den ersten Blick, entsprechend locker und offen verlief unsere Unterhaltung. Er erzählte mir eine ganze Menge von sich und seiner Familie, von Freude und Verdruss, von seiner schwerkranken Frau, die er pflegen muss. Der neue Freund – so fühlte ich - bereitete mir sehr viel Freude, mit der ich strahlend Richtung Gerthe fuhr, während er offensichtlich sein Pensum noch nicht erfüllt zu haben schien. Meine Beute war reichlich. Susanne und ich kochten gut drei Liter Saft, rührten das Gekochte nicht durch ein Sieb, sondern gossen es durch ein Geschirrtuch; eine rundum gelungene Aktion.

Zwei Tage später wollte ich noch einmal ernten, weil das Pflücken der großen, saftigen und sonnengereiften Brombeeren so viel Spaß macht. Kurz vor dem Ziel dachte ich natürlich an Günther, ob er wohl auch da sei, und sagte freudig seinen Namen. Pardautz, nur ein paar Sekunden später hinter der nächsten Wegbiegung stand er mit seinem Fahrrad. Na, da freute ich mich doll, fuhr aber gleich weiter, weil ich ein Stückchen weiter auf den Bahngleisen mein Glück versuchen wollte. Dauerte nicht lange, da stand er neben mir, als Eisenbahner eben kein Problem, sich mit den donnernden Zügen zu konfrontieren. Na, es wurde nicht nur ein sehr erfolgreiches quantitatives Pflücken, sondern auch unsere Unterhaltung gewann ein Stück mehr Tiefe. Zu den Problemen mit seiner Schwiegertochter wollte ich ihm keinen direkten Rat geben, erzählte einfach nur, wie ich das handhaben würde. Er war sehr still nach meinen Worten, und ich muss mal gestehen, dass ich ziemlich ausdrucksstark sein kann und mit klaren Worten ohnehin nicht zimperlich umgehe.

Der „Hammer“ kam aber erst, als wir uns verabschiedet hatten und ich alleine auf der Chaussee radelte. Mensch, dachte ich plötzlich, der Günther ist genau der Typ Mensch, den ich gerne als Beispiel anführe, wenn ich mal über mein bewegtes Leben spreche. Sage dann: „Es gibt Menschen, die sind fünfzig Jahre mit derselben Frau verheiratet, gehen fünfzig Jahre in dieselbe Firma und wohnen fünfzig Jahre in derselben Wohnung – das wäre für mich undenkbar.“ Tscha, der gute Günther hat genau diesen Lebensweg gewählt. Sieben Jahre als Heizer auf einer Lok, dann Lokführer, alleine unterwegs, sein eigener Herr, zufrieden damit. Eine Wohnung bei einer Genossenschaft, nur sechzig Quadratmeter, aber mehr braucht man ja wirklich nicht. Von seiner Frau kann ich nicht viel berichten, außer dass sie gemeinsam einen Sohn haben und sie jetzt einen sehr krummen Rücken und starke Schmerzen hat. Darum darf er auch nicht so lange von Zuhause wegbleiben, weil sie sonst Angst kriegt. Der Überraschungseffekt war jeden- falls doppelt interessant für mich: Günther passte von seinem Wesen her überhaupt nicht in das „Bild“, das ich mir bis dahin von derartigen Schicksalsträgern machte. Jedenfalls gab es für mich einen dritten Effekt, nämlich mal wieder zutiefst den Menschen dankbar zu sein, die ein paar Schritte mit mir gehen und mein Leben bereichern.

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