Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn

Große Geister

_________________________________________________________________________________________________...

Rudolf Steiner

1. Mai 2010

Einstein und Steiner

Rudolf Steiner hat meines Wissens nie davon gesprochen, dass irgendetwas, das jemand gesagt hat, „falsch“ sei. Aber er neigte dazu, es als „unsinnig“ oder als „Unsinn“ zu bezeichnen, wenn unsereins es als „falsch“ bezeichnet hätte.

So sprach er beispielsweise auch vom Materialismus nur immer wieder so, dass dieser zwar unwiderlegbar, aber zugleich dennoch „unsinnig“ sei, insofern als er keinen Sinn in der Welt stiftet, wo man es mit der Eigenart des Lebendigen und des Seelischen zutun hat.

Auch in therapeutischen Zusammenhängen vermied Rudolf Steiner möglichst den Ausdruck „falsch“. So sprach er im „Heilpädagogischen Kurs“ von 1924 einmal von einem Kind, das immer den Mund offen hatte, und, als man es fragte, warum das so sei, geantwortet haben soll: "Damit die Fliegen wieder raus können". Diese Antwort bezeichnete Rudolf Steiner als genial, denn in der Welt gibt es keine falschen Gedanken, sondern nur unsinnige Anwendungen von Gedanken.

Über ein zweites behindertes Kind sagte er, dass für dessen Entwicklung die Gabe von Spielzeug sich „wie Gift“ auswirkt, weil es das Kind davon abhält, in die Wirklichkeit zu finden. Auch hier sagte er nicht, dass die Gabe von Spielzeug etwa „falsch“ sei.

Besonders fein ist daher die Kritik Steiners an der Relativitätstheorie Albert Einsteins, an die sich ja sonst keiner heranwagt. So sei zwar die Relativitätstheorie für die Mechanik „schlicht unverzichtbar“, aber für die Welt der Lebewesen, und erst recht für den Menschen als einem Geistwesen sei sie „unsinnig“, weil jedes Lebewesen Raum und Zeit verinnerlicht in sich trägt, als innere Eigenart seiner Gestalt, als musikalisches Gefühl, und als Biographie.

Daher wird man niemals „Zeitreisen“ machen können, wie dies in Hollywood-Filmen heute so gerne glauben gemacht wird. Wären Zeitreisen möglich, so bräuchte man nur in der Zeit zurückfahren, Adolf Hitler rechtzeitig umerziehen, und schon hätte Deutschland kein Problem mehr mit seiner Vergangenheit .. . . .

Nun wollte es das Schicksal, dass Albert Einstein in Prag einmal einen Vortrag Rudolf Steiners besuchte. Wie lautete wohl seine Kritik danach?

Albert Einstein sagte nur:
„Na schön und gut. Aber bedenken Sie doch diesen Unsinn: Redet der Steiner von übersinnlicher Erfahrung!“

ECCE HOMO

In dem Herzen webet Fühlen,

In dem Haupte leuchtet Denken,

In den Gliedern kraftet Wollen.

Webendes Leuchten,

Kraftendes Weben,

Leuchtendes Kraften :

Das ist der Mensch.

(Rudolf Steiner: Wahrspruchworte)

- 2 -
„Der Weltanschauung nach war er Haeckelianer, Materialist und Atheist, politisch nannte er sich Anarchist und wir Sozialdemokraten galten ihm als Bourgeois. Was ihn übrigens nicht hinderte, im Rahmen sozialdemokratischer Bildungsorganisationen Vorträge über literarische Themen zu halten. In seiner Lebensführung war er durchaus Libertin, voller Lust am irdischen Dasein und recht hemmungslos im ausgiebigen Genuss dieses Daseins. Es liegt mir fern, mit den oft etwas bedenklichen Abenteuern, deren Held ‚Rudi Steiner‘ war, sein Moralkonto zu belasten. So mancher Heilige hat durch die schmutzigsten Stationen des Erdenwegs hindurchpilgern müssen, ehe er zur Reinheit gelangte.“

John Schikowski

- 1 -
Während sich Steiner in den Weimarer Jahren in gutbürgerlichen Zirkeln bewegt hatte, wandte er sich in den ersten Berliner Jahren proletarisch geprägten Außenseiter-Kreisen zu. Seine Kontakte reflektierten das Motto, welches er 1899 für sein „Magazin“ gewählt hatte: „Vielseitigkeit und Vorurteilslosigkeit“. Der Schriftsteller Max Halbe beschreibt den damaligen Steiner als „zigeunernden Intellektuellen“.[34]  Wolfgang G. Vögele charakterisiert Steiners damaligen Umgang wie folgt: „Zu seinem Bekanntenkreis zählten die führenden Monisten des Giordano Bruno-Bundes (Wilhelm Bölsche, Bruno Wille), Vorkämpferinnen für freie Erotik und offene Ehe (Ellen Key, Margarete Beutler), bekennende Homosexuelle (Magnus Hirschfeld), Anarchisten (neben Mackay etwa Benjamin Tucker) oder als Terroristen steckbrieflich Verfolgte (Siegfried Nacht[35]). Biblisch gesprochen, saß er mit ‚Sündern und Zöllnern‘ zu Tische“.[36]  Dazu gehörte auch der Kreis um Otto Erich Hartleben, der sich mit antibürgerlicher Provokationsgeste „Der Verbrechertisch“ nannte.

- 3 -
Als Grundlage seiner „geisteswissenschaftlichen“ Darstellungen unterschied Steiner mehrere Erkenntnisstufen. Neben der gewöhnlichen Erkenntnis gebe es demnach die „imaginative“, die „inspirative“ und die „intuitive“ Erkenntnis. Durch strenge Schulung lassen sich dieser Lehre zufolge immer höhere Erkenntnisstufen erreichen, die einen erkenntnismäßigen Zugang zur übersinnlichen Welt ermöglichen. Diese „Geisteswissenschaft“ soll laut Steiner Menschen dazu befähigen, die physische Welt in ihrem Zusammenhang mit der „geistigen“ Welt zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus die Welt zu gestalten. Von diesem Standpunkt aus verknüpfte Steiner seine frühen Ansätze zu einer „Philosophie der Denk-Erfahrung“ mit so unterschiedlichen religiösen Vorstellungen wie Karma, Reinkarnation, Okkultismus und Rosenkreuzertum.

- 4 -
Steiner, der bereits vor und während des Ersten Weltkriegs gelegentlich im Austausch mit führenden Politikern gestanden hatte, wirkte besonders nach Kriegsende auch auf politischer Ebene. So publizierte er 1919 einen „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“, den u. a. Hermann Bahr, Hermann Hesse und Bruno Walter unterzeichnet hatten.

- 5 -
Die Zeit in der Anthroposophischen Gesellschaft erwies sich für Steiner als ausgesprochen produktiv. Er trat in den unterschiedlichsten Lebensbereichen mit eigenen Ideen hervor und wirkte in einer enormen thematischen Breite als Impulsgeber und Erneuerer. So betätigte er sich unter anderem als Reformpädagoge (Waldorf-Pädagogik), Sozialreformer (Soziale Dreigliederung) und auf dem Gebiet der Kunst (Architektur, Bewegungskunst, Sprachgestaltung). Er begründete mit der Ärztin Ita Wegman die Anthroposophische Medizin und lieferte die weltanschauliche Grundlage für eine Religionsgemeinschaft (Die Christengemeinschaft). Zu den letzten Impulsen vor seinem Tod gehört die Anregung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Viele von Steiners Ideen sind bis heute wirkungsmächtig. So erleben etwa Waldorfschulen  und -kindergärten, biologisch-dynamischer Landbau (Demeter) und Anthroposophische Medizin (Weleda) stetig wachsenden Zuspruch.

Rudolf Steiner und seine zweite Frau Marie von Sivers (Heirat 1914, dann Marie Steiner-von Sivers, keine Kinder) wohnten von 1903 bis 1923 in Berlin-Schöneberg, Motzstraße 30, wo eine Gedenktafel an sie erinnert. Allerdings war Steiner als Vortragsredner und als Vorsitzender der Theosophischen bzw. Anthroposophischen Gesellschaft viel auf Reisen. Nach dem Ende des Krieges 1918 hielt er sich nur noch selten in Berlin auf.

Am 30. März 1925 starb Steiner nach mehrmonatiger schwerer Krankheit in Dornach. Über die Todesursache und über die Art der vorangegangenen Erkrankung gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Einige Anthroposophen behaupteten einen Vergiftungsanschlag.

- 6 -
Der Schriftsteller Stefan Zweig lernte den 40-jährigen Steiner kurz vor dessen Hinwendung zur Theosophie in dem Berliner Literatenkreis Die Kommenden kennen und berichtete später darüber:

 „Hier, in Rudolf Steiner, […] begegnete ich nach Theodor Herzl zum ersten mal wieder einem Mann, dem vom Schicksal die Mission zugeteilt werden sollte, Millionen Menschen Wegweiser zu werden. Persönlich wirkte er nicht so führerhaft wie Herzl, aber mehr verführerisch. In seinen dunklen Augen wohnte eine hypnotische Kraft, und ich hörte ihm besser und kritischer zu, wenn ich nicht auf ihn blickte, denn sein asketisch-hageres, von geistiger Leidenschaft gezeichnetes Antlitz war wohl angetan, nicht nur auf Frauen überzeugend zu wirken. Rudolf Steiner war in jener Zeit noch nicht seiner eigenen Lehre nahegekommen, sondern selber noch ein Suchender und Lernender; gelegentlich trug er uns Kommentare zur Farbenlehre Goethes vor, dessen Bild in seiner Darstellung faustischer, paracelsischer wurde. Es war aufregend ihm zuzuhören, denn seine Bildung war stupend und vor allem gegenüber der unseren, die sich allein auf Literatur beschränkte, großartig vielseitig; von seinen Vorträgen und manchem guten privaten Gespräch kehrte ich immer zugleich begeistert und etwas niedergedrückt nach Hause zurück. […] einem Mann solcher magnetischer Kraft gerade auf jener frühen Stufe zu begegnen, wo er noch freundschaftlich undogmatisch sich Jüngeren mitteilte, war für mich ein unschätzbarer Gewinn.“

Stefan Zweig

Nun kam also Rudolf Steiner (wieder) in meine Visier, sehr angenehm, für mich einer der Großen Geister. Das deswegen, weil er seinen Geist auf der pragmatischen Ebene walten ließ.
Hier entstand eine Seite mit Textenauszügen, die mir besonders gut gefielen, aus Wikipedia. Dort gibt es eine sehr umfangreiche Darstellung von Steiners Person und seinem Wirken.

Menüknopf
Seelenkalender