20. August 2009

Unter Integrität ist ein harmonischer Zustand des Menschen zu verstehen, der sich auf sein Ich und seine Rolle in der Gesellschaft bezieht.

Integrität ist also vom Wesen her ein Beziehungswert und beschreibt: welche Qualität hat die Beziehung zu mir selbst  (z.B. Körper, Geist, Interaktion), und zu anderen (z.B. Familie, Kollegen, Personal, Regierung)

Ich halte darum in der Analyse für wichtig, Integrität mit einem Qualitätsfaktor zu messen, der aussagt:
wie stark ist meine Beziehung
- zu mir, und
- der Welt um mich herum.
Um diesen Faktor ermitteln zu können, müssen wir erfragen, auf welchen Gebieten Desintegrität herrscht - und kommen so auf die Ebene, wo substantielle Störungen auf die Ursachen für die Disharmonie hinweisen.

Desintegrität ist ein Kernproblem für das Menschsein und das Miteinander schlechthin - es ist DAS Problem, das uns auch eine Sicht auf das Wesen des Menschseins erlaubt. Aber bevor wir uns derart weitgreifende Betrachtungen erlauben können, werden wir untersuchen, wie Integrität gestört oder zerstört wird.

Es ist so: ein Kind kommt mit einem Höchstmaß an Integrität auf die Welt. Es hat eine eigene Persönlichkeit, und es fügt sich mit all seinen Befindlichkeiten in den Kreis seiner Familie, nimmt Nähe, Schutz und Versorgung wahr. In diesem Kreis geschieht für jedes Kind eine Störung seiner Integrität, wohl nicht gleich im Zustand seiner vollen Bedürftigkeit, aber auf jeden Fall, wenn man meint, Erwartungen an es richten zu müssen und Sanktionen, Strafe und Belohnungen verteilt werden. Dieses Schema kennt das Kind nicht, und es kommt immer zu Verletzungen in Form von Enttäuschungen und Vertrauenszerstörung.

In einigen Familien kommt es zu schwersten Verletzungen der KindesIntegrität. Die Ur-Identität des Kindes wird hier systematisch zerstört, und dann wird dem Kind ein neues Bild seines Selbst eingeimpft. Dies geschieht durch Herabwürdigungen, Herabsetzungen und Bewertungen, die in keiner Weise der Kindesrealität entsprechen. Aber - es entsteht eine neue Identität: das Kind weiß nicht mehr, wer es ist, es GLAUBT nun und nur an das, was es von im schlechtesten Sinne autoritärer Seite über sich erfahren hat. Wichtig ist, es ist gleichzeitig auch eine neue Integrität entstanden, allerdings auf Grundlage falscher Informationen, und zwar nicht aus Zuneigung, sondern
- aus Furcht vor weiteren Mißhandlungen und
- um Schutz bei Geschwistern zu finden, die die einzigen* sind, die aus eigener Betroffenheit verstehen und solidarisch sein können; geteiltes Leid ist eben nur noch halbes Leid.
* Aus Scham und Familienehre und Angst vor schlimmeren Bestrafungen können (fast) niemals fremde Menschen in die Misshandlungen eingeweiht werden.

Kommen wir zum Kern meiner Aussage über die zerstörte Ur- Identität. Diese Identität setzte sich aus einigen Teilen zusammen, die jedes für sich nach und nach zerstört wurden. Diese Teile haben zwar im Erwachsenenleben keine Bedeutung mehr, weil sie durch die neue Identität abgelöst und mit Leben/Verhalten versehen wurden, aber sie existieren noch - jedoch fragmentarisch. Kommt es nun zu einem Bewusstseinsprozeß, in dem die Lügen aufgedeckt werden und die alte Identität wieder wahrnehmbar wird, bleiben die Teile dieser Identität weiter getrennt. Bedeutet: sie funktionieren wieder, aber es besteht keine Integrität mehr. Bedeutet: die Rollen, die ein solcher Mensch "spielt", werden von ihm als voneinander getrennt wahrgenommen. Dasselbe gilt für sein Ich: Körper, Geist, Vernunft und Psyche leben nicht harmonisch und interaktiv-produktiv- konstruktiv miteinander, sondern agieren getrennt -  jedes für sich existiert praktisch relativ beziehungslos bzw. ohne Bewusstsein über das Zusammebnwirken.

Ich hoffe, das Kernproblem des Menschseins und seines Miteinanders verständlich, wenn auch in aller Kürze, aufgezeigt zu haben.
Abschließend möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass es im Grunde keine psychischen Störungen geben kann - sondern nur integrative Störungen innerhalb der Gesamtpersönlichkeit bestehen, die von der Psyche nicht aufgelöst werden können. Das kann verschiedene Gründe haben, die wir an anderer Stelle besprechen werden.

Es gibt einen Text auf der Seite "brainworker" zum Thema Integrität, den zu lesen ich empfehle.

Startseite Geist
Menüknopf
Menüknopf
Leben
Startseite Wolfgang

Gescheitert

Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn

Mensch in der Zeit

Psyche
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Bevor ich diese Seite gestalterisch überarbeitete, las ich den Text von "Gescheitert". Desintegrität ist ja auch ein Scheitern, und zwar auf einer fundamentalen Ebene. Wie soll ein gesund fühlender und klar denkender Mensch sich in dieses System integrieren können? Und wie soll ein Mensch, dem man mit seinem Erscheinen auf der Welt Erbsünde und Schuld in den Geist schreibt, ein Gefühl für seinen Selbstwert entwickeln können? Mensch wurde abgestempelt zu einem Fremdkörper, und zwar zu einem "bösen". Entsprechend ist es bestellt um seine Ganzheit, um sein Verständnis für ein Miteinander und folgend seine Fähigkeit und Bereitschaft, destruktiven Kräften die Unterstützung zu entziehen und konstruktive Kräfte zu stärken. Ethos und Humanität, ein klarer Geist und Liebe blühen eben nicht auf Rosen, auf denen herum getreten wird.

Wäre toll, wenn das Prinzip ein paar mehr Menschen verstehen können.