Man darf sich die Frage stellen, ob wir wirklich in einer Erfolgsgesellschaft leben. Erich Fromm analysierte bereits vor recht langer Zeit, dass wir in einer Zeit des Marketing leben, wo sich über das Anpreisen von Waren hinaus jeder meint verkaufen zu müssen; dabei geht es um Wert und Werte. Wer auf dieser Schiene agiert, auf der eine mindestens lineare Erfolgsdynamik statt zu finden hat, definiert Störungen als Versagen und fühlt Verluste in seiner Identität: auf top folgt flop.

Gesellschaftlich führt Scheitern zu einer Ächtung. Mag eine Narbe im Kreise der Schönen noch interessant sein, im Zirkel der Reichen hat ein Pleitegänger nichts zu suchen. Ähnliches erlebt man in Kreisen von Ehepaaren, in denen es Geschiedene schwer haben. Meine Annahme ist, dass sich in Kneipen nicht nur die Trinker treffen, sondern die auf irgend einer Ebene Gescheiterten, die im Trinken Zuflucht und gleich Betroffene suchen, vielleicht in der Hoffnung, sie könnten hier Einäugiger unter den Blinden sein, etwa Arbeitsloser mit Knobeldiplom, der mit dem beißendsten Galgenhumor oder der mit dem größten Verdrängungspotenzial.

Warum einige Menschen überhaupt einigermaßen stabil existieren können, liegt eben an jener Einrichtung, die auch eine feste Größe in jedem Menschen ist: dem Verdrängungsmechanismus. Ich bin davon überzeugt, dass viele das Meiste ihrer Erfahrungen gar nicht als Scheitern einordnen können, und erst, wenn es knallhart und unausweichlich offensichtlich ist, die Niederlage eingestehen - gerne noch mit der Färbung, die anderen hätten die Schuld daran. Im Grunde ist ja bereits Krankheit ein Scheitern daran, nicht gesund sein zu können, ganz zu schweigen von den vielen, die nicht glücklich sein können. Dabei könnte man allein durch eine gesunde Selbsteinschätzung viele gute Gefühle generieren.

Neben der Verweigerung, Realität zur Kenntnis zu nehmen, gibt es eine andere Variante, in der Situationen, Menschen und Ergebnisse falsch bewertet werden. Schönfärberei, sich etwas schön reden (auch mal trinken!), etwas in den Himmel heben, wo die rosaroten Wolken zum Stelldichein einladen. Während Außenstehende bereits "wenn das man gut geht" fühlen, verharren die Beteiligten unberührt von fremder Wahrnehmung im Märchenland ihrer Illusionen. Wer über sich selbst und andere nicht richtig oder ausreichend informiert ist, kann in einem Haufen Scherben landen, es ei denn, es gelingt ihm, auch die zu "übersehen".

Um die Wahrheit der eigenen Existenz nicht anschauen zu müssen, ereifern sich viele Menschen über die Schrecklichkeiten der fernen Welt, über dummdreiste, unnahbare Politiker und unmögliche Nachbarn, Kollegen und Familienmitglieder. Nach meiner Auffassung geschieht dies nur, um das Schlimmste zu vermeiden: die eigenen schlechten Gefühle auszuhalten. Jedoch bilden all die Informationen über die "Schlechtigkeiten dieser Welt" einen ausgezeichneten Nährboden für die eigene Trauer, Depression und Apathie. Betrachtet man diese Zustände unter dem Sammelbegriff (mehr oder minder großer) Lebensangst, kommen wir mit dieser Analyse bereits auf die Ebene einer Lösung.

Nach meiner Erfahrung gehört das Scheitern in dem Sinne als eine feste Größe zum Leben, als dass Entwicklungen nicht linear verlaufen können; Leben gestaltet sich eben nicht als eine arithmetische Reihe, was man durchaus als eine Wahrheit anerkennen könnte. Auf eine Fünf kann zwar eine Sechs folgen, aber ebenso gut eine Sieben oder eine Drei. Warum Wille/Absicht und das Ergebnis daraus auseinander klaffen, ist eigentlich mehr als plausibel: man kann das Leben nicht kontrollieren, auch wenn einem das suggeriert wird. Zu viele Unwägbarkeiten lauern am Wegesrand, und es existieren eben Kräfte, die Macht über die Gestaltung von Lebensläufen ausüben können. Wer Verantwortung für sein Leben übernehmen will, muss in der Lage sein, diese Kräfte zu erkennen und sie zu kontrollieren.

Scheitern gehört zum täglichen Geschäft für die Menschen, die etwas riskieren, die neugierig oder kreativ sind, die unter Leben ein Erleben verstehen und nicht nur ein eintöniges Dahinfließen. Es braucht nicht nur Offenheit für  Veränderung, sondern auch die Fähigkeit, Umstände, die zu erstarren drohen, schnell wieder flott zu machen und zurück ins Fahrwasser zu dirigieren.

Scheitern ist für Kinder an der Tagesordnung; sie leben mit dem Nein, bestenfalls, um ihnen Grenzen aufzuzeigen, um sie zu schützen und ihnen durch vernünftige Alternativen Lernen zu ermöglichen. Also, wenn Kindern bei ihrem Scheitern gute Gefühle entstehen, werden sie verstehen, dass Veränderungen gut sein können.

Es gibt eine weitere Art des Scheiterns, die ich gerne "fatal" nennen möchte. Es gibt nämlich Menschen, die in mit ihrer Lebensleistung Großes vollbringen, tagein tagaus ihren MannFrau stehen, die gutherzig sind und hilfreich, die unbeirrbar ethische Werte verteidigen und sie leben können, die immer ihr Bestes geben, wahrhaftig und treu bleiben - und sich trotzdem gescheitert fühlen.

Scheitern geschieht im Kopf und im Bauch. Setzen wir beide für gute und konstruktive Gedanken und positive Emotionen ein,  kann es gelingen, das Lebensschiff zurück in klare Gewässer steuern zu können.

 Heute Nachmittag auf der Gewinnerspur...

... und auf der Kriechspur

Am Wegesrand ein toter Baum ...

...bei näherer Betrachtung voller Leben...

... und faszinierender Schönheit.

Man muß den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen und
dann gebären ....

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
daß dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch !

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit ...

Man muß Geduld haben
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.


Rainer Maria Rilke


Alles hat seine Zeit, und alles braucht seine Zeit- wie in der Natur ...

... und wenn sich die Starre löst,  sprudelt das Leben hervor.  Es war ja die ganze Zeit da!

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Gescheitert

Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn

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Durch die Umgestaltung der Seite entstand hier ein Raum, den ich nutzen möchte.
Ken Wilber schreibt: "Unsere Gesellschaft insgesamt befindet sich in einer [noch nie dagewesenen] Krise. Wir können uns über ihre zahllosen Gesichter Tag für Tag in der Zeitung informieren. Wir haben die Krise des Arbeitsmarkts, die Energiekrise, die Krise der medizinischen Versorgung, Umweltverschmutzung und ihre Folgeprobleme, rapide Zunahme von Gewalttätigkeit und Kriminalität und so weiter. Meine Grundthese in diesem Buch lautet, daß dies alles nur Facetten ein und desselben Problems sind und die Krise im Grunde eine Krise der Wahrnehmung ist.

Dazu schrieb ich einen Kommentar, den sicher niemand interessieren wird. Interessanter ist sein Schlussfolgerung, die aus meiner Sicht richtig ist, die er aber selber nicht verstanden zu haben scheint: Er erkennt die falsche Wahrnehmung, ohne in der Lage zu sein auch seine Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen. Zwar argumentiert er schlüssig, aber von einem Standpunkt aus, der den Menschen schuldig spricht. Das ist falsch, und somit die gesamte Betrachtung - mit der er nicht alleine auf der Bühne der Mahner steht; er liefert uns eine weitere Facette desslben Problems.