Mag es euch nerven, aber ich kann aus meiner "Haut" auch nicht raus. Ich denke mir die Themen ja nicht nach Lust und Laune aus, es gibt Gründe, gute Gründe, warum ich thematisiere, aufrühre, hinweise auf urmenschliche Phänomene und Probleme. Vor ein paar Tagen las ich bei Erich Fromm zum Thema "Das Unbewusste":
Durch den Kontakt mit dieser abgetrennten Welt des Unbewussten ersetzt man das Prinzip der Verdrängung durch das der Durchdringung und Integration. Verdrängung ist ein Akt der Gewalt, des Abschneidens, ein Akt im Namen von 'Gesetz und Ordnung'. Sie unterbindet den Zusammenhang zwischen unserem Ich und dem nicht organisierten Leben, aus dem es stammt, und macht unser Selbst zu etwas Fertigem (ich würde den Zustand als "statisch" beschreiben), nicht mehr Wachsendem und darum Totem. Indem wir die Verdrängung auflösen, erlauben wir uns, den Lebensprozeß zu spüren, und vertrauen dem Leben mehr als der 'Ordnung' . (das erscheint mir ein Ur-Reflex zu sein, der das Lösen von Schwierigkeiten verweigert, weil mit Unlust verbunden.)

Klar, an das Unbewußte zu gehen ist nicht so einfach, es gibt diese Instanz im menschlichen System ja nicht ohne Grund. Aber ich glaube, wer sein Verhalten ändert, indem er sich mehr dem Leben, der Bewegung, der Veränderung zuwendet, kann den ersten Schritt machen in Richtung auf die Mauer, hinter der sich die Informationen befinden, die ihn ängstlich machen und seine Liebesfähigkeit einschnüren.

NACHDEM ich den nachfolgenden Text geschrieben hatte, nahm ich mir - ja, wenn es denn Zufälle gäbe - ein Buch zur Hand, dass wir bereits vor Wochen gekauft hatten: "Die Tatsachen des Lebens". Das lag da still vor sich, obwohl ich mich sehr freute, als es hier ankam. Manche Dinge brachen eben ihre Zeit, und für das Buch von meinem Herzensfreund Ronald D. Laing war's genau gestern Nacht. Erst mal blätterte ich, was sonst gar nicht meiner Art entspricht, und machte plötzlich halt bei Kapitel 11, überschrieben mit "Eine Vorlesung".

Vielen Dank, Ronald, der sehr früh gestorben ist, vielleicht, weil er für die Welt, die er erkannte und beschrieb, nicht tauglich war, alleine stand gegen die Macht der Psychopathen. Aber, ich sage das mal aus dem Bauch heraus: Ronald, Dein Licht ist hier auf der Welt nicht verloschen. Und ich wünsche, es möge zu denen gehören, die ewig brennen.

Wir hatten bei einer sehr netten Familie Tisch und Stühle für Susanne ersteigert, mussten, weil wir bei der ersten Tour nur die fünf Stühle in das Wägelchen bekamen, noch mal nach Oberhausen, um den Tisch zu holen. Das war allerdings das Wenigste, und als wir uns nach einer seeehr spannenden Gesprächsrunde verabschiedeten, war mir, als wären wir nicht des Tisches wegen zu der Familie gefahren. Hauptthema: Mensch, Kirche und Kirchengeist. Mann meinte, die Kirche wäre in der Gemeinde wichtig als Ort des Friedens, als Haus der Begegnung; die Menschen brauchten das. Ich sagte, sie würden diese Krücke nicht brauchen, wenn sie der Kirchengeist nicht krank gemacht hätte. Klar, dass wir in diesem Zusammenhang auch über Schuld sprachen, und so kam mein altes Thema frisch auf den Tisch, dass sich zu einem Textbeitrag formulierte, als ich in fortgeschrittener Dämmerung und Schneegestöber von Gerthe nach Werne lief. Die Stunde an der frischen Luft tat mir gut, meinem Körper und meinem Geist. Na, dann wollen wir mal.

Es gibt eine lange, sehr lange zurück liegende Geschichte von der Entstehung des Menschen. Viele zweifeln an ihrem Wahrheitsgehalt, wie ich meine, nicht zu Unrecht. Aber darum geht es nicht, weil es eine Realität gibt: der Geist aus dieser Geschichte wurde der Gesellschaft, den Menschen aufgeproft; sie glaubten das Ungeheuerliche. Wieso, wird manch einer von euch fragen, soll diese nette alte Geschichte ungeheuerlich sein, steht doch in der Bibel, und das ist eine Heilige Schrift? Es ist jedenfalls für mich ungeheurlich - deswegen, weil ein so genannter Schöpfer Menschen nach seinem Ebenbild schafft und dazu noch die Bedingungen unter denen sie leben müssen, und dann läuft nach SEINER Auffassung in SEINER Schöpfung etwas schief, und der Verursacher transportiert SEINE Verantwortung auf seine Geschöpfe. Das ist bereits ungeheurlich genug, aber es kommt ja noch viel schlimmer: er bestraft seine Geschöpfe und verflucht sie.

Nun haben wir ein schönes Muster dargelegt. Es ist das Muster des Miteinanders auf dieser Welt, ein Miteinander, in dem Verantwortung abgelehnt wird und Schuld und Bestrafung verteilt, verurteilt wird. Eltern zeugen Kinder, und wenn die dann durch deren Schule gegangen sind und ihre Muster - die von Gott und seinen verfluchten Kindern - übernommen haben, sind sie ebenso verflucht wie ihre Eltern und behandeln ihre Kinder wieder genau so, wie es seit Generationen getan wurde: sie geben den Fluch aus einer Mythologie weiter. Ich kann dazu nur sagen, das muss ein sehr, sehr mächtiger Glauben sein, der in der Lage ist, Menschen zu Opfern zu machen und sie sich schuldig fühlen zu lassen. Glauben diese Menschen an einen "Lieben" Gott? Wer will in dieser Perversion einen Sinn finden? Sind Menschen so wütend, aggressiv, traurig und verzweifelt, weil sie aus dieser alten Falle keinen Weg heraus finden? Wo ist der Weg, um Schuld, Scham und Schande zu überwinden und ein freier glücklicher Mensch zu werden?

Rational gibt es viele Wege zur Lösung bzw. endgültigen Beantwortung der Schuldfrage. Damit kommt man - ich bin versucht zu sagen, leider - keinen Schritt voran; die Schuld bleibt. Ich arbeitete viele Jahre lang an diesem Ur-Problem, um für Menschen eine Lösung zu finden. Kann hier mal aus dem Nähkästchen plaudern, mein Tagebuch eine Geschichte erzählen lassen, die ich vor etwas mehr als 13 Jahren erlebte. Sie ist in Buchform aufgeschrieben. Der Auszug ist hier zu lesen. (Später stelle ich mal die ganze Geschichte rein.)

(Dreizehn Jahre später ist diese Erlösungsgeschichte von der Schuld immer noch nicht beendet. Daran mag man erkennen, wie schwierig geistige Muster aus der Psyche zu entfernen sind.)

Gerade geht mir ein Licht auf, warum das rational nicht zu lösen geht: Schuld ist ein GEFÜHL (nach meiner Definition eine Emotion!), und die argumentativ arbeitende Vernunft agiert ja auf einer ganz anderen Ebene. Dazu kommt, wir leben in einem patriarchalischen System, bedeutet, Männer gestalten, Geist (oder Ungeist?) regiert und hält aus dem Spiel die Gefühle heraus; die taugen nichts! Weiberkram, sollen die in der Küche oder beim Putzen untereinander mit sich abmachen. Und wie sieht es auf der Couch vom Analytiker aus. Ja, meine Herren, eure Analyse geht, wenn sie nur auf Vernunft-Logik-Geist beruht, ins Leere. Verkneife mir mal einen bissigen Kommentar, weil von denen keiner weiß, was er tut beziehungsweise nicht kann: fühlen, intuitiv und sensitiv sein. Jedenfalls MÜSSEN diese Typen selber auf die Couch, so lange, bis sie ihre "weiblichen" Anteile in ihre Persönlichkeit integriert haben. Die Welt dreht sich ja noch, also mal ran an den Speck und ein paar Scheiben Verantwortung abschneiden, anstatt nach uraltem Muster Schuld zuzuweisen. Und falls ihr unsicher seid, nun eine Entscheidung zu treffen, lest vielleicht mal das ganze Buch von Ronald D. Laing. Es geht um den Menschen, sagt Erich Fromm sehr richtig, woran besonders wichtig ist, dass ihr auch dazu gehört, auch Mensch seid, die Anspruch auf Zuwendung und Heilung haben.

Das Thema ist natürlich lange nicht erschöpfend behandelt. Demnächst geht es hier weiter für Menschen, die das Leben als Geschenk verstehen und es endlich auspacken wollen.

Obschon die scharfsinnigsten Richter der Hexen und sogar die Hexen selber von der Schuld der Hexerei überzeugt waren, war die Schuld trotzdem nicht vorhanden. So steht es mit aller Schuld.

Friedrich Nietzsche


Wenn etwas ins Stocken gerät, so weiß man immer nicht, ob die Schuld an uns oder an der Sache liegt.

Johann Wolfgang von Goethe


Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Der Übel größtes aber ist die Schuld
Friedrich Schiller














Dem echt Religiösen ist nichts Sünde.
Novalis














Der Glaube an die Erbsünde hat die wahre Erbsünde geschaffen. Das Christentum predigte so lange die Bösheit der menschlichen Natur, bis sie wirklich böse wurde.
Richard Graf von Coudenhove-Kalergi 16.11.1894 - 27.7.1972














Die Sünde ist eben dies, was man seiner Art nach nicht mit dem ganzen Wesen tun kann: Es ist möglich, den Widerspruch in der Seele zum Schweigen zu bringen, aber es ist nicht möglich, ihn auszutilgen.
Martin Buber

















Es ist eine abgeschmackte Verleumdung der menschlichen Natur, daß der Mensch als Sünder geboren werde.
Johann Gottlieb Fichte


















Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!
Jesus

Startseite Geist
Menüknopf
Menüknopf
Leben
Startseite Wolfgang

Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn

Psyche

Mensch in der Gesellschaft
_________________________________________________________________________________________________...

Schuld und Verantwortung

Will man den Grad von Schuld, mit dem unser Dasein selbst behaftet ist, ermessen, so blicke man auf das Leiden, welches mit demselben verknüpft ist. Jeder große Schmerz, sei er leiblich oder geistig, sagt aus, was wir verdienen: Denn er könnte nicht an uns kommen, wenn wir ihn nicht verdienten.
Arthur Schopenhauer

Genug der klugen Worte.