Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn

Psyche

Mensch und Gesellschaft
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Einige Fragen machen mich ganz wuschig, besonders die sich mit der Einschätzung von Menschen beschäftigen. Vor zwei Wochen legte ich dieses Thema als Seite an, weil ich meine Frage beantworten wollte, und sie blieb in meinem Hinterkopf, guckte mal zaghaft hervor und verschwand wieder in der Warteschleife. Nun bin ich ja ein recht aktiver Mensch. Ständig knüpfe ich Kontakte, schreibe mich mit diesem und jener, lese und schreibe um einige Themen herum. Und so ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Beantwortung der gestellten Frage in mir abzeichnet.

In meiner Partnerin Susanne wurde mir eine Weggefährtin mit ausgezeichneten Eigenschaften an die Seite gestellt. Das wollen zwar einige der alten Freunde nicht wahrhaben, aber es ist so, wie ich es fühle: sie hat einen einwandfreien Charakter. Bei anderen Menschen bin ich mir längst nicht so sicher. Die verhalten sich nämlich mal so und mal anders. Mal kann ich mich auf sie verlassen, mal fühle ich mich verlassen, mal sind sie fair und anständig, mal drehen sie an einer krummen Schraube. Tscha, haben die nun einen guten oder einen schlechten Charakter? Ich frage das in Schwarzweiß, weil es eine Kernaussage über Zustände gibt, die mit der Aussage beschrieben wird: ein bisschen schwanger gibt es nicht.

Nun sind wir schon beim Kern meiner Frage angekommen. Die eine Sache ist ein Charakter, der gut ist, aber Schwächen hat in bestimmten Situationen - könnte man als Verhaltensstörungen bezeichnen. Die haben eine Ursache (wo immer die liegen mag), und wenn man die Ursache beseitigt, ist der Charakter in dem Bereich tadellos. Dann gibt es aber Menschen, die haben einen schlechten Charakter, den sie erfreulicher gestalten durch ein künstlich positives Verhalten: sie tun so, als wären sie anständig, und zwar nur ihres eigenen Vorteils wegen. Daran kann man erkennen, ob ein Mensch sozial oder egozentrisch, ob er konstruktiv oder destruktiv, ob er freundschaftlich oder feindselig ist.

Tatsache ist, die Menschen mit einem versteckten schlechten Charakter kommt man nicht so leicht auf die Schliche. Ihre Masken sind perfekt, sie spielen ihre Rollen wie professionelle Schauspieler. Ich glaube, jeder weiß, wovon ich rede, von den großen Enttäuschungen beispielsweise, wenn man das wahre Gesicht eines Menschen endlich sehen kann, wenn sein Verhalten unübersehbar wurde. Klar, da ist auf der anderen Seite natürlich auch ein Betroffener, der es vielleicht viel zu lange vermieden hat, seinem Partner mal richtig auf den Zahn zu fühlen, der nicht genau hinschaute bei bestimmten Verhaltensweisen, der tolerierte, was im Grunde nicht akzeptabel war.

Vielleichtkennt der eine und andere von euch "Freunde", die einem mit ihrem persönlichen Elend monatelang auf der Pelle sitzen. Man investiert viele Stunden, um einem "Betroffenen" zu helfen, und verstehen es sogar, ganze Familien und soziale Gruppen in den Bann ihrer Befindlichkeiten zu ziehen. Da kann ich aus eigener Erfahrung nur raten, sehr aufmerksam sein, das Verhalten in bestimmten Situationen genauestens beobachten, was sie machen, wenn man sie unter Druck setzt und grundsätzliche (humane) Einstellungen analysieren. Klar ist, Verhaltensstörungen sind bei den Fällen keine Frage, sondern nur: hat der "Störenfried" einen im Kern guten oder einen schlechten Charakter.

Unabhängig davon, dass ich in meinem "Fall" eine Entscheidung treffen konnte, blieb die grundsätzliche Frage offen: woran kann ich die Substanz eines Menschen messen? Da kam mir heute Abend, ich arbeitete wie besessen an unseren Kakteenseiten, eine ganz vernünftige Idee, nach welchem Kriterium ich entscheiden könnte. Ich meine, es muss vor allen Dingen um die Chancen gehen, ob man die Charakterstörung beseitigen kann - oder ob sie sich überhaupt auflösen läßt. Denn selbst wenn man von der optimalen Bedingung ausgeht, dass JEDER Mensch mit einem guten Wesen auf dieser Welt erscheint und seine Störungen biografisch bedingt sind, können diese Fremdeinwirkungen (durch Eltern, Freunde, soziales Umfeld) auf ein schwach-gutes Wesen getroffen sein und es völlig negativ gestaltet haben. So ungefähr stelle ich mir das gerade vor.

Susanne hatte es in ihrem Leben auch nicht leicht, um es mal vorsichtig zu beschreiben. Bei ihr sah es auch so aus, als sei etwas Fundamentales zerstört worden. Bei ihr sah ich aber bewunderswerte Eigenschaften. Hinter ihren Ängsten spürte ich ihren ungeheuren Mut, hinter ihrer Zögerlichkeit lauerte eine energische Entschlossenheit, und ich spürte ein gewaltiges Potential an Fähigkeiten unter dem Mantel ihrer vielen schlechten Erfahrungen. Und dann sagte ich mir: wer DAS durchsteht, MUSS ein ganz starkes Wesen haben. Heute, nach 32 Monaten, hat sich mein anfängliches Gefühl bestätigt, daraus wurden gelebte und erlebte Erfahrungen.
Susanne liebt übrigens das Märchen vom "Häßlichen Entlein" - und, so ganz am Rande erwähnt, sie gestaltete eine wunderschöne Schwanenseite.

Im Zweifel, dass ist meine Meinung, muss man sich von Menschen, die im Kern destruktiv/bösartig sind, fern halten. Was aus meinem "Fall"  wird, keine Ahnung. Es ist sein Leben, seine Verantwortung, seine Aufgabe, daraus etwas Gescheites zu machen. Helfen ist gut, dabei selber untergehen ist schlecht. Man muss eben beide Fähigkeiten, von Helfer und Hilfebedürftigem, gegenüberstellen, um zu einer realistischen Prognose für den Verlauf von Heilung zu kommen. Und man kann als Helfer nicht seine Selbstverantwortung außer acht lassen und damit genau das tun, woran der Hilfebedürftige leidet. Damit wäre nämlich genau das erreicht, wohin eine Entwicklung unter keinen Umständen führen darf, dass der Helfer zum Opfer und der Hilfebedürftige zum Täter wird. Unter diesem Aspekt ist wohl klar:

Im Zweifel für den Angeklagten, für sich selber.

Deutlicher konnte ich meine Wahrheit nicht aussprechen.

Wie es denn so kommt. Nachts um vier hatte ich meine Arbeit fertig und ging ins Bett, griff mir meinen gerade aktuellen Erich Fromm, und las ein paar Seiten. Da stellte sich mir nur die Frage: hatte ich mir das Thema ausgesucht, um ihn besser verstehen zu können, oder schrieb er mir, damit ich mein Thema besser verstehen würde; egal, unsere Gedanken paßten genau  zueinander. Hier mal einige Textstellen aus "Psychoanalyse und Religion".

·

1. ... kann ein Gedanke der Ausdruck des Gefühls und der wirklichen

Überzeugung eines Menschen sein. In diesem Fall ist er in der ganzen Persönlichkeit verwurzelt und hat eine emotionale Matrix. Nur so verwurzelte Gedanken bestimmen nachhaltig die Handlungen eines Menschen.


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2. Jede Idee hat nur dann Kraft, wenn sie in der Charakterstruktur des

Menschen begründet ist. Keine Idee ist stärker als ihre emotionale Matrix. Darum strebt die psychoanalytische Einschätzung der Religion danach, die menschliche Realität, die hinter Denksystemen steht, zu verstehen. Sie fragt, ob ein Gedankengebäude wirklich das Gefühl ausdrückt, das es wiederzugeben scheint, oder ob es sich um eine Rationalisierung handelt, hinter der sich die entgegen gesetzte Haltung verbirgt.


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3. Der Psychoanalytiker muss die Persönlichkeit und die Charakterstruktur

jener erforschen, die sich zu bestimmten Denksystemen bekennen, egal, ob es sich um einzelne Menschen oder um Gruppen handelt. Er wird nach der Übereinstimmung von Charakterstruktur und geäußerter Meinung fragen und das Denksystem anhand jener unbewußten Kräft interpretieren, die sich aus kleinsten Details des manifesten Verhaltens erschließen lassen.


Ja, Erich hat hier natürlich die Religion bzw. Glaubenssysteme beim Wickel, aber das Prinzip seiner Betrachtung betrifft gleichermaßen die Analyse eines jeden Menschen.

Ich meine, es geht im Wesentlichen um einen Gedanken, dessen Wahrheitsgehalt es zu ermitteln gilt. Der Gedanke kann aufgeschrieben sein als Idee, er kann aber auch gesprochenes Wort sein, und das ist im täglichen Umgang mit Menschen der wahrscheinlichere Fall: Menschen teilen uns sprachlich ihre Ideen mit.
Was die Worte bedeuten ist aber nicht objektiv per Wörterbuch zu erfahren, man muss die Botschaft verstehen. Und da sagt Erich Fromm glasklar, dass hinter einer formulierten Idee sich auch das Gegenteil verbergen kann. Jemand sagt Freund zu dir, und meint aber, er werde bei erster Gelegenheit dafür sorgen, dass du auf die Fresse fällst, Schaden erleidest, Schmerzen hast.

Über das gesprochene Wort und den wirklichen Inhalt der Botschaft kann man wohl nur enigermaßen verläßlich schließen über den Charakter eines Menschen - und eben nicht über seine Persönlichkeit. Denn darin unterscheide ich:
Persönlichkeit ist das "Bild", das ein Mensch der Gesellschaft zeigt. Sie drückt sich mehr durch rituelle Sprache und Gestik aus, ist der Rolle entsprechend, die eine bestimmte Persönlichkeit spielen will.
Charakter dagegen ist nur das innere Gefüge aus einer Verknüpfung von Mangel und Ängsten, die dafür sorgen, dass absolute Ideale (z.B. Treue, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, Wohlwollen, Großzügigkeit und Toleranz) sozusagen auf das menschliche Maß herunter gebrochen werden.

Mit diesem Entwurf konnte ich wohl auch Fromms Idee einbeziehen, dass Gefühle entscheidend für den Geist von Verhalten und Handeln sind. Klar, Angst ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sie ist auch die Wurzel für das, was wir "schlechte Charaktereigenschaften" nennen:
Habsucht, Neid, Gier, Eifersucht, Geiz, Lüge usw. Angst macht wankelmütig, arrogant, hinterhältig, destruktiv und, um mit es mit dem Wort aus dem Volk zu sagen: gemein. Das daraus folgende Verhalten kennen wir alle, und selbst wenn Verhaltensweisen von der Sache her in Ordnung wären, so beschleicht einen manchmal eben doch so ein komisches, warnendes Gefühl, da könne mit dem Gegenüber eben doch etwas nicht in Ordnung sein. Feine Kleider machen eben auch keine Persönlichkeit, auf die man sich verlassen könnte, mit denen man ungetrübten Spaß haben kann. Wie schon an anderen Stellen gesagt, und damit schließe ich:
Schön aufpassen!

Wer nicht wusste, von wem das letzte Zitat stammt: Hermann Hesse.

Wer mal etwas anderes als von mir über Charakter und Persönlichkeit lesen möchte - hier ist ein Text auf der Seite von Hermine Mandel.

Bescheidenheit ist wohl die einzige Gabe mit der man nicht angeben kann ohne sie dabei zu zerstören.
Shred

Nicht um meinen Bruder zu besiegen, suche ich Kraft,
sondern meinen größten Feind, mich selbst.
Indianische Weisheit

Nicht jeder, der eine Maske trägt, hat auch ein Gesicht zu verlieren.
Gabriele Berthel

Wirklich große Menschen erregen keine Furcht,
ihre Bescheidenheit nimmt dem anderen die Befangenheit.
Wenn eine hochgestellte Person Sie einschüchtert,
ist sie nicht groß; sie glaubt es nur zu sein.
Elizabeth Goudge

Ich wähle meine Freunde nach ihrem guten Aussehen, meine Bekannten nach ihrem Charakter und meine Feinde nach ihrem Verstand.
Oscar Wilde

Wer eine Not erblickt und wartet,bis er um Hilfe gebeten wird,ist ebenso schlecht,als ob er sie verweigert hätte!
Dante Alihieri

Der Mund ist der gefährlichste Körperteil des Menschen.
Risa Mickenberg

Der höchste Lohn für unsere Bemühungen ist nicht das, was wir dafürbekommen, sondern das, was wir dadurch werden.
John Ruskin

Wer der Meinung ist, daß er für Geld alles haben kann,
gerät leicht in den Verdacht,
daß er für Geld alles zu tun bereit ist.
Benjamin Franklin

Der letzte Beweis von Größe liegt darin,Kritik ohne Groll zu ertragen.
Victor Hugo

Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten;
an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.
Jean-Jaques Rousseau

Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter,als durch das, was sie lächerlich finden.
Johann Wolfgang von Goethe

Denken Sie daran, daß hinter der Fassade eines Menschen oft Angst steht
und nicht böser Wille oder ein schlechter Mensch.
Lutz Schwäbisch

Der Charakter eines Menschen läßt sich aus nichts so sicher erkennen,
wie aus einem Scherz, den er übel nimmt.
Georg Christoph Lichtenberg

Die Miene zeigt den Charakter an.
Marcus Tullius Cicero

Nicht die Politik verdirbt den Charakter, sondern ein verdorbener Charakter die Politik.
Julius Raab

Wer einen Charakter hat, braucht keine Prinzipien.
Julius Wagner von Jauregg

Wo Charakter ist, da ist Häßlichkeit Schönheit, wo kein Charakter ist, da ist Schönheit Häßlichkeit.
Afrikanisches Sprichwort

Der Charakter zeigt sich im Verhalten eines Menschen jenen gegenüber, die ihm nichts nützen.
Lothar Schmidt

Das Entscheidende bleibt doch immer der Charakter, nicht der eitle, wohl aber der gute und ehrliche Glaube an uns selbst.
Theodor Fontane

So einer noch von einem, den wir beide schätzen:

Leute mit Mut und Charakter sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich.

So, mal genug der Zitate. Wir wollen hier auch ein paar Bilder zeigen von Menschen, die als "Persönlichkeit" gelten.















Von unten nach oben:
Albert Schweitzer
Adolf Eichmann
Mutter Theresa
Fritz Haarmann

Ganz am Rande stieß ich, bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage, auf den Begriff des Enneagramms. Es soll dazu dienen, die verschiedenen Charaktere zu beleuchten, vielleicht sogar zu erkennen. Ehrlich gesagt halte ich nicht viel von starren Schemata, aber wer sich dafür interessiert, bitte sehr - gelesen habe ich auch darüber! Unter Typ 1 findet ihr auch die Startseite.


Das Enneagramm


Typ 1

Typ 2

Typ 3

Typ 4

Typ 5

Typ 6

Typ 7

Typ 8

Typ 9


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