Zum Fliegen braucht man auch
kleine Federn

Aus gegebener Veranlassung schreiben wir heute über menschliche Verhaltensmuster. Voraus gegangen war ein intensives Gespräch mit meinen Freunden Sophia und Claus, die im Nachbarhaus wohnen und mich zufällig besuchten. Ganz am Rande kamen wir drei am späteren Abend zu einer recht nüchternen Feststellung. Menschen beschimp- fen einander, es braucht nicht viel, um "Idiot" zu sagen. Aber das sagt man ja nicht einfach, man investiert gleich ein paar heftige Emotionen in den Idioten, als sei diese besondere Form der Zuwendung hilfreich. Wäre es nicht das bessere Verhalten, dem "Idioten" mit größerer Gelassenheit zu begegnen, nämlich in der Gewissheit, dass er - wie Ruiz es nennt -  in seinem "eigenen Traum" lebt, sprich mit seinen eigenen Problemen und Mustern zu tun hat. - Und ihn dann dementsprechend zu behandeln? Hätte dieser in seinen Mustern gefangene Mensch nicht eher Segenswünsche und Barmherzigkeit verdient? Ja, und warum die Emotionen dazu? Wahrscheinlich machte man mal mit ähnlich "idiotischem Verhalten" nicht nur schlechte, sondern auch schmerzhafte Erfahrungen und wird nun von alten reaktiven Emotionsmustern ereilt, die manchmal bereits in Kinderzeiten entstanden sein mögen.


Nach meinem Dafürhalten funktioniert ein Mensch, nicht irgendwie sondern nach einem Prinzip und Unterprinzipien. Daraus könnte man schlussfolgern, er sei ein System. Also funktioniert ein Mensch auf eine bestimmte Art und Weise. Seinen Handlungen liegen Muster zu Grunde. Die Muster entstehen durch Erfahrungen, die stark genug oder häufig genug waren, um ein Muster anlegen zu können. Dann entsteht ein Ursache-Wirkungszyklus: wenn A dann B. Es gibt dabei verschiedene Spielarten, und es gibt eine relativ intelligente Variante: wenn A dann B oder C. Ich unterscheide darüber hinaus, ob es für die Aktivierung eines Musters eine innere oder äußere Ursache gibt (endogen und exogen). Wer Bewusstsein über seine Muster hat, kann lernen bestimmte schmerzhafte und selbstzerstörerische Verhaltensweisen abzulegen.

Einerseits dienen Muster dazu, Entschei-dungsprozesse zu vereinfachen, auch zu beschleu-nigen - diese laufen eher bewußt ab. Andererseits entstehen Muster durch traumatische Erlebnisse, die verwirren und/oder Angst machen. Im trau-matischen Informationsbereich sind wir auf der unbewußten Ebene, was bedeutet, man kann die dort entstandenen Muster nicht mehr kontrollieren, ergo: man wird von ihnen kontrolliert, und zwar auf zwanghafte Weise. Je nachdem, wie schwer traumatisiert, heißt, wie tief ins Unbewusste die Informationen verschoben wurden, kommen die Muster an die Oberfläche. Einiger leichter Traumata (ich nenne sie jetzt mal so, obwohl es den Kern nicht genau trifft) kann man Herr werden, einige mittlere pendeln zwischen Unbewusstsein, Unter- bewusstsein und Bewusstsein hin und her, einige schwere muss man mittels einer Begleitperson gezielt und mit der nötigen Vorsicht angreifen - was nach meiner Kenntnis fast unmöglich ist. Fast!

Eines ist unerlässlich für die Begleitperson: sie muss WISSEN, was bei der Behandlung eines Traumas geschieht. Erstens vollzieht sich die Begleitung über einen längeren Zeitraum, zweitens sollte die Person sich darüber im Klaren sein, dass auch eigene Befindlichkeiten aufgedeckt werden und aufgelöst werden MÜSSEN, und drittens braucht es ein paar charakterliche Eigenschaften, die dem (schwer) traumatisierten Menschen, dem geholfen werden soll, unentbehrlich sind, z.B.: Stabilität, Wahr- haftigkeit, Empathie und ein absolutes Wohlwollen, was bedeutet, der traumatisierte Mensch darf auf keinen Fall beschuldigt, bestraft, sprich in Angst versetzt werden, denn er muss stetig mehr Vertrauen entwicklen in den Heilungsprozesses, in sich selber und in den Helfer. Ich hoffe, ich konnte den Rahmen einer solchen Beziehung einigermaßen klar umreißen - mehr sollte hier und jetzt nicht geschehen.

Das Thema lautet: Unter anderen Vorzeichen. Das bedeutet, wir haben es bei der Enttraumatisierung mit einem völlig anderen Verlauf zu tun, als wir das von allen anderen Heilungen kennen, abgesehen mal vom Erstverschlimmerungssyndrom in der Homöo-pathie. Durch den Aufbau von Vertrauen und der im folgenden entstehenden Sicherheit beim Trauma-opfer lösen sich anfangs die leichten traumatischen Informationen auf. Damit verbunden sind immer Emotionen wie Wut, Angst, Feindseligkeit usw. Anfangs lösen sich also (nur) leichtere Emotionen auf, aber wenn die Begleitung erfolgreich verläuft, werden im weiteren Verlauf heftigere Emotionen zutage gefördert, und da können dem Begleiter nicht nur einige Fetzen um die Ohren fliegen. Er wird mit Verhaltenweisen konfrontiert, die bisher  umgewandelt wurden in sozialverträgliche Affekte - bedeutet: diese Reaktionen konnten niemals gelebt werden, weil damit heftige Sanktionen verbunden gewesen wären.

Warum ich dies so ausführlich erzähle: je mehr ein Begleiter an Arbeit und  Liebe in den traumatisierten Menschen investiert, desto heftiger werden die Ergeb- nisse, die er geliefert bekommt. Offene und heftige Wut, vollkommene Sprachlosigkeit und  totale Verweigerung muss der Begleiter konfrontieren können. Die Systematik ist relativ fatal: je erfolgreicher er tätig ist, desto schlimmer werden die Bedingungen, unter denen er zu arbeiten hat. Das objektive Besserwerden äußert sich also in einer subjektiven Verschlimmerung. Das ist für Men- schen, die Erfolg nach einem "Muster" definieren, kaum zu verstehen. Man stelle sich vor, ein Baby schreit, und man nimmt es auf den Arm und spricht beruhigende Worte - und je länger man es trägt und je beruhigender man spricht, desto lauter schreit es.

Ich bin mir sicher, dass darin auch ein Grund für das Scheitern von Beziehungen liegt. Was sehr gut und hoffnungsvoll begann, endet in einem Desaster. Ziemlich logisch. Aus Liebe wird Sicherheit und Vertrauen, das Trauma öffnet sich, alte lebens-feindliche Informationen kommen zum Vorschein und bestimmen das Handeln - der Partner nimmt Rücksicht, versucht zu verstehen, verzeiht, gibt sich Mühe - und erntet als Folge eine Verschlimme- rung des Verhaltens seines Partners. Wie lange hält Liebe das aus, wenn nicht das Wissen dabei ist, warum das so sein MUSS? Ich denke, es ist so gut wie unmöglich, einen derartigen Prozeß im normalen Lebensrahmen erfolgreich zu begleiten; und in der Psychiatrie kann aus mehreren Gründen der Erfolg erst recht nicht geschehen.

Das "Andere Vorzeichen" ist ein Prädikat. Man muss es erlernen, obwohl es vielleicht jedem Menschen  in die Wie- ge geelegt wurde. Nur wird es den Kindern ausgetrieben, und man bringt ihnen andere Verhaltensmuster bei, solche von Schuld und Strafe, von Leistung und Belohnung, von Erpressung, Nötigung und Unterdrückung, mit subtilen psychischen Methoden und auch mit körperlicher Gewalt. Wie soll man mit dem schrecklichen bio-graphischen Fun- dus jemals auf eine völlig andere Ebene gelangen, auf der gerade das Gegenteil des "Normalen" geschieht, wo Bedürftigkeit erkannt und mit Zuwendung beantwortet wird. Viele Menschen, davon bin ich überzeugt, ahnen nicht einmal das Vorhandensein dieser Option im Miteinander.

Anderen Menschen zu helfen hat einen altruistischen
Charakter, aber andererseits auch einen sehr egozentri-
schen Zug. Wer mit seinem Herzen bei der Sache ist, wird
schon bald merken, wie beglückend seine Hilfe sein kann,
weil sie Erfolg für den geliebten Menschen bringt und auch
die eigene Entwicklung ankurbelt. Grundsätzlich ist Bezieh-
ung ja nichts Einseitiges, sondern sie vollzieht sich IMMER
im Geben und Nehmen. Dies Prinzip gilt nicht nur zwischen
Erwachsenen, sondern insbesondere auch zwischen Er-
wachsenen und Kindern. Wer weiß, dass er von Kindern
Entscheidendes lernen kann, wird sich vielleicht mit neuen
Standpunkten, veränderten Einstellungen und besonderer
Hingabe einer Aufgabe widmen, die ich für mich als
äußerst lohnend beschreiben kann. Ich wünsche uns allen,
dass wir füreinander und voneinander lernen können.

Susanne & Wolfgang




Psyche

Mensch und Gesellschaft

Damit's nicht zu theoretisch wird, hier ein paar unserer letzten Reisebilder als Lesebegleitung. Wir fuhren nach Lünen um unsere Kakteen abzuholen. Natürlich bekamen wir tolle Pflanzen, aber auch die Winterbilder, einige während der Fahrt aus dem Auto "geschossen",  zeigen, dass es ein besonderer Tag war: ein besonderes Wetter, ein besonderes Licht, eine besondere Stimmung.

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